Inhaltsverzeichnis
Virus der Linken
Nierendorf Josef Scharl
Edition Fischer
Feuer unterm Eis (Vulkanismus am Gakkelrücken)
Irritationen in Poseidons Küche
Zwei Souveräne
Über den Sternen
Zwischen Predigt und Tat
Virus der Linken
Etwas stimmt nicht an der vielbeschworenen Aufarbeitung der Versäumnisse, die sich die Linkspartei seit den Verlusten zur Bundestagswahl 2017 und dann immer wieder vorgenommen hatte. 2021, als Katja Kipping noch von einem zweistelligen Ergebnis träumte, halbierte sich der Stimmenanteil und die Partei landete bei 4,9 Prozent. Allein aufgrund der drei Direktmandate konnte Die Linke noch einmal im Bundestag Platz nehmen. Es gab Warnungen und publizistische Analysen zur Genüge. Sie wurden nicht wahrgenommen. Zwar kamen nach jeder Klatsche aus dem Vorstand vollmundige Bekundungen, die gut gemeint waren, mitunter großherzig empfunden wurden, doch: Fanfarenstöße, die im Winde verwehen. Was sollte sich dadurch ändern? Es lief auf ein „Weiter-so“ hinaus. Bis zum katastrophalen Absturz während der Europawahl im Juni auf 2,7 Prozent und schmerzlichen Verlusten bei den Landeswahlen.
Als entscheidende Ursache der Misere wurde immer wieder hervorgehoben, dass es der Partei an inhaltlicher Klarheit und Erkennbarkeit mangelt. Keine Frage: Eindeutige, in einem langfristigen Programm festgelegte Positionen sind für das Profil einer Partei und ihre Wirksamkeit ausschlaggebend, vielleicht der dominante Faktor, weil sich daraus Strategien für das Tagesgeschehen ableiten – oder eben nicht. Wir erinnern uns, mit welcher Konsequenz Karl Marx darauf gedrungen hat, dem Gothaer Programm der vereinten Sozialistischen Arbeiterpartei konzeptionelle Klarheit zu verschaffen. „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme“, schrieb er 1875 an Wilhelm Bracke, den Mitbegründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. „Macht man aber Principien-Programme …, so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung misst.“
Die Diskrepanzen, um die sich Mitglieder und Mandatsträger der Partei Die Linke in den letzten Jahren gegenseitig an die Gurgel gingen, sodass sie beinahe ihre Sprache verloren, ranken sich um die Themen
- Mitgliedschaft und Orientierung auf welche sozialen Gruppen?
- Regierungsbeteiligung oder Opposition?
- Haltung zum Ukraine-Krieg und zum Pazifismus
- Migrationspolitik, ihre Anforderungen, Bewältigung und eventuelle Regelung.
Es ist hier nicht der Raum, auf die unterschiedlichen Deutungen einzugehen; nur ein paar sporadische Bemerkungen. Soziologische Studien ergaben, dass sich die Parteiführung etwa ab 2010 mehr dem urbanen Milieu, den gut und halbwegs gut situierten Ausgebildeten zugewandt hat. Nun ist es so, dass ein Teil der ArbeiterInnen und der Prekären geradezu die gefühlte Kränkung durch eben diese akademische Mittelschicht, die die Bodenhaftung verloren hat, umtreibt. Damit mag zusammenhängen, dass Die Linke unfähig war, existenzgefährdete Lohnabhängige an sich zu binden. 33 Prozent der ArbeiterInnen sollen laut Umfrage zur Europawahl AfD angekreuzt haben. Diese Orientierung und das stringente Bemühen, sich an Regierungen zu beteiligen, hat bei vielen Wählern den Eindruck hinterlassen, dass die Linkspartei ein Teil der Institutionen geworden ist. Es hat eine Verschiebung des Fokus ins liberale Spektrum stattgefunden – das, was Sahra Wagenknecht als Lifestyl-Linke bezeichnet hat (wobei sie zu allererst die Grünen im Blick hatte).
Weil die Auseinandersetzungen um Migration in allen europäischen Parteien, auch in der Linken sich als eine Zerreißprobe erwiesen hat, möchte ich bei diesem Thema etwas verweilen. Man muss unterscheiden zwischen politisch Verfolgten, denen uneingeschränkt Asyl zu gewähren ist, Kriegsflüchtlingen, denen ein Aufenthaltsstatus zusteht, und Arbeitsmigration, die nicht unter dem Dachbegriff „Asyl“ firmiert (obwohl manche unregulär Asyl zu beantragen versuchen), das heißt Einwanderung, um im Gastland ein besseres Leben zu führen. Letzteres ist berechtigt und seitens der Unternehmergilde sogar erwünscht, aber es hat einen faden Beigeschmack. Ich war immer ein wenig konsterniert, wenn Republikflüchtlinge aus der DDR insgesamt als politisch Verfolgte bezeichnet wurden und einige dieses Etikett sich an die Brust hefteten. Ein großer Teil hat die Grenze überschritten, weil auf der anderen Seite das feiner Hemd und der Kaffee billiger zu haben war.
Zugleich bauen die Konzerne darauf, mit willfährigem Personal die Löhne zu drücken, worunter auch die Stammbelegschaft leidet. Arbeitsmigration fördert die Erosion von Tarifverträgen und Gewerkschaften. Die Verdrängungskonkurrenz ist enorm. Es ist weder „links“ noch sozial, das zu verschweigen. Und das Abwerben von Fachkräften aus Entwicklungsländern, wo sie dem Aufbau soziokultureller Strukturen dienen könnten und sollten, ist das nicht absurd? In dieser Sicht erscheint Arbeitsmigration als ein zweischneidiges Schwert.
Seit dem Erfurter Parteitag 2011 wurde immer wieder gefordert: „Offene Grenzen für alle Menschen.“ Ein Satz bar jeder Logik. Man muss nicht das billige Bild vom vollen Boot bemühen, aber klar ist: Wenn Arbeitsmigration „grenzenlos“ gewährt wird, werden die Sozialsysteme derart belastet, dass sie sich unter den gegebenen Bedingungen (wenn die Superreichen nicht enteignet werden) erschöpfen, sodass selbst die ins Land gekommenen Migranten nicht mehr ausreichend unterstützt und integriert werden können. Das auszutarrieren ist konfliktreich, und es geht, gemessen an den proklamierten universalen Menschenrechten, die ein gutes Leben für alle versprechen, nicht ohne Härten. Die Welt ist nicht ideal.
Es liegt also nahe, diesen Bereich zu regulieren. Es versteht sich, dass Einwanderung allein nach den Prinzipien der Genfer Flüchtlingskonvention, der Europäischen Menschenrechtskonvention und des Asylrechts gemäß Artikel Artikel 16a Grundgesetz entschieden werden darf, was die fadenscheinige Ausrufung einer „Notlage“, wie sie Friedrich Merz fordert, ausschließt und Ad-hoc-Zurückweisungen an den Grenzen verbietet. Die Linkspartei hat zu wenig konturierte Angebote vorgelegt, wie Migrationsfragen sozial und human gelöst werden können, sondern sich immer wieder auf die Position „Alles-ist-möglich“ zurückgezogen, die Illusion, eine Utopie gegenwärtig zu verwirklichen. Oder sagen wir es so, wie es Anke Hassel, die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialpolitischen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung die Diskrepanzen auf den Punkt brachte: „Es gibt ein fundamentales Missverhältnis von politischer Wünschbarkeit und Machbarkeit.“
Sahra Wagenknecht hat aus realpolitischer Einsicht eine restriktive Flüchtlingspolitik gefordert, und sie wurde dafür heftig angegriffen. Regulierte Migration ist schmerzlich und bedauerlich, aber weder rassistisch noch fremdenfeindlich. Und, nebenbei, ein verbürgtes Recht, dass jeder in einem wohlhabenden Land leben könne, gibt es im juristischen Kanon nicht. Erst in jüngster Zeit, nach den Europawahlen, deutet sich ein vorsichtiger Schwenk an. In einem Interview nach ihrer Bewerbung um den Vorsitz der Partei, räumte Ines Schwerdtner, ein: „Die realen Probleme in den Kommunen sind da, das lässt sich nicht schönreden.“ Jedenfalls ist die Regulierung der Zuwanderung humaner als die Abschiebung von Menschen – zumal wenn die Regulierung mit Zuwendungen für die Infrastruktur der Drittländer verbunden wird, was leider zu wenig geschieht. Gleichzeitig gilt es, der rechtsextremen Forderung, es für Geflüchtete in Deutschland so unattraktiv wie möglich zu machen, entschieden Paroli zu bieten.
Die Auseinandersetzungen um diese und andere Zweifelsfälle wurden in der Öffentlichkeit oft mit harten Bandagen ausgetragen, sodass der Eindruck einer zerstrittenen Partei entstand, und eine zerstrittene Partei wählt man nicht, weil sie zunehmend an Einfluss verliert und in der „Großen Politik“ nichts durchsetzen kann. Die Zerwürfnisse nach dem Motto „Der ärgste Feind ist der in den eigenen Reihen“ drohten Landesverbände zu zerreißen wie 2013 in Rheinland-Pfalz. „Nur noch ein Streit um das Rechthaben“, so sagte es Peter Porsch. Dieser fatale Zustand wurde immer wieder angemahnt, von Klaus Gysi und anderen, letztens von Dietmar Bartsch. Einsprüche, die der Linke-Kovorsitzende als „schrille Unkenrufe“ und „Fouls von der Seitenlinie“ abgetan hat. Das Echo der Basis war einhellig: „Anscheinend wird jeder, der es wagt, Kritik an der Parteispitze zu üben, abgekanzelt“, schrieb eine Leserin. „Eine Ursache (des Niedergangs) ist meiner Ansicht nach die Parteispitze selbst.“
Man sah das Licht, doch aus dem Tunnel kam man nicht heraus. Der Streit um Grundsatzfragen bricht auf entlang der Optionen zwischen Weg und Ziel, welche die Gegenwart offen hält. Doch die Unverträglichkeit der heutigen Kontrahenten hat auch einen historischen Hintergrund. Die revolutionäre Linke war schon in ihrer Geburtsstunde nicht eins. Während und nach der französischen Revolution 1789 sammelte sie sich in der Gruppe der Engragés, der „Wütenden“ um den Priester Jacques Roux, der ihr Manifest schrieb, dann gab es die Sansculotten, den Klub der Jakobiner, die Hébertisten, Egalités und schließlich kam Babeuf, der utopische Kommunist. Diese Varianz ist begründet. Konservative Parteiungen sind im Prinzip geeint, sie bauen auf die Erhaltung des Bestehenden; wenn es ernst wird, halten sie zusammen. Aber die Zukunft ist offen, und der Weg, „das ‚Ja‘, das ‚Komm!‘ zur nicht antizipierbaren Zukunft – das nicht ein ‚Was auch immer‘ sein darf“ (Jaques Derrida) – ist unbekannt, verschieden begehbar, und es gibt keine Garantie.
Unter diesem Aspekt war es ein großer Gewinn, dass Die Linke sich als pluralistische Partei konstituiert hat. Ob es sinnvoll gewesen ist, Plattformen zu gründen, die ihre eigenen Hierarchien entwickeln, gewissermaßen kleine Parteien in der Partei, die um Posten konkurrieren – da habe ich Zweifel. Unweigerlich gebiert die Verhärtung von Positionen und deren Geltungsansprüche Ressentiments: auf Vorurteilen beruhende persönliche Abneigungen der Kontrahenten im Einflussgerangel. Sie fördern eine Blockadesituation.
Die historischen Kommunisten waren nicht frei von – der Sache nach – ungebührlichen Abgrenzungen. Karl Marx hat als Leiter des Generalstabs der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation die mannigfaltigen Strömungen ihrer Mitglieder verständnisvoll auszugleichen verstanden. Aber zu anderen Zeiten haben er und Friedrich Engels Kampfgefährten, die nicht unbedingt ihrer Ansicht waren, mit zum Teil unflätigen Worten abgekanzelt. Oder denken wir daran, wie Rosa Luxemburg Karl Kautzky vom marxistischen Zentrum der Sozialdemokratie beschimpft hat. Die Verunglimpfung potentieller Partner im Kampf gegen die Zumutungen der extremen Reaktion gipfelte in der Sozialfaschismustheorie des Thälmannschen Zentralkomitees.
Zurück zur Gegenwart. Gerechterweise muss anerkannt werden, dass Die Linke konsequent die Verbesserung der Lebensverhältnisse aller gefährdeten Lohnabhängigen, natürlich auch der Arbeiter und Arbeiterinnen, auf dem Schirm hatte: Höhere Löhne und Renten, Umverteilung, Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Mietendeckel, Entmachtung der großen Konzerne, Verbot von Privatisierung, stattdessen Rekommunalisierung der öffentlichen Fürsorge.
Der Vorstand hat sich auch stets entschieden gegen Aufrüstung, gegen das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr, gegen Waffenlieferungen ausgesprochen. Dennoch war in der Mitgliedschaft keine einheitliche Position zu erkennen; Prominente, nicht nur Bodo Ramelow, rechtfertigten Waffenlieferungen zur Verteidigung des Landes. (Die allerdings, wie Kriegsberichte bekunden, als Angriffswaffen benutzt werden können.) Man kann in dieser Konfliktlage verschiedener Auffassungen sein, aber muss ich deshalb aus der Partei austreten, indes ihre Mitglieder doch dem Uranliegen treu sind, die gesellschaftlichen Verhältnisse, vor allem die Kapitalverhältnisse umzugestalten?
Gewiss: ein klares Programm ist von ausschlaggebender Bedeutung. Aber damit ist es nicht getan. Es bedarf einer einvernehmlichen psychischen Konstitution der Protagonisten, wenn die formulierten Absichten zum Tragen kommen sollen. Diese Komponente wurde nie tiefgründig angesprochen. Dass nicht allein der Dissens in dieser oder jener Frage zu dem eklatanten Einbruch der Wählergunst führten, sondern eben die allgemeine Zerstrittenheit der Partei, wirft Fragen des Umgangs miteinander auf. Aus Scheu, individuelle Verhaltensweisen zu hinterfragen, wurde dieses Thema gemieden. Trotz der Aufforderung, die Gründe für den Niedergang zu analysieren kein Wort über die Beleidigungen, Unterstellungen, Fehldeutungen der Funktionsträger untereinander. So sehr inhaltliche Präzision für den Erfolg dominant sein mögen, sie ist von individueller Achtung ihrer Mitglieder nicht zu trennen und nur derweise durchzusetzen. Warum konnte diese Einsicht nicht gelingen?
Alle Appelle, sich auf das Gemeinsame der Linken zu besinnen, blieben erfolglos. Man könnte denken, hinter den Zerwürfnissen, die, wie wir gesehen haben, in der Geschichte der Linken unter jeweils anderen Bedingungen virulent waren, stecke eine genetische Krankheit. Was all die Symptome – Rechthaberei, Zerstrittenheit, Diffamierung usw. – auslöst nenne ich den Virus der Linken: Aversionen.
Wie entäußert er sich? Zunächst als eine Folge des tradierten Dogmatismus, der viele Mitstreiter verkrault hat. Die Prinzipienreitere hinter „roten Linien“, ohne zu bedenken, dass sich in der generell widersprüchlichen Politik Bedingungen ändern. Die Proklamationen sind dann meist eine Mischung aus Erkenntnis und Verkennen. Das führt mitunter zu Fehlentscheidungen in der aktuellen Politik. Ein schlagendes Beispiel war die Enthaltung der Fraktion bei dem Votum, die durch die Taliban bedrohten einstigen Mitarbeiter deutscher Institutionen durch die Bundeswehr zu evakuieren; das hat niemand verstanden. Oder: An der von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer organisierten Friedensdemonstration 2023 hat sich Die Linke nicht beteiligt, sodass ihre pazifistischen Bekundungen von vielen bezweifelt wurden. Nicht entschieden ist, wie sich die Partei zu UN-mandadierten Auslandseinsätze verhalten soll.
All diese und andere genannte Zwistigkeiten waren mit persönlichen Angriffen verbunden, was noch einmal belegt, dass inhaltliche Diskrepanzen oft persönlich konnotiert sind und dass Aversionen eine verhängnisvolle Rolle spielen. Auch der Streit zwischen Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch vor einigen Jahren beruhte auf persönlichen Vorbehalten; es gab keine inhaltlichen Differenzen. Nach der Wahlniederlage 2021 sprach der Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler von einem „Kurs der verbindenden Klassenpolitik“. Was ist das? Und er läutete die Suche nach Schuldigen am Desaster ein: Die Wagenknecht. Eine ungewöhnlich frontale Kampfansage. Wenn schon die Frage der Schuld aufgeworfen wird, sei daran erinnert, dass der Niedergang der Partei unter der Führung von Katja Kipping und Bernd Riexinger begann. Es folgten Klaus Ernst, Janine Wissler, Martin Schirdewan. Sie alle haben, wenn sie streng mit sich zurate gehen, ihren Anteil an persönlicher Schuld, oder sagen wir Mitverantwortung. Sie haben ihre Verdienste, haben ihr Bestes gegeben und sicher auch schlaflose Nächte verbracht, aber es liegt eben nicht jedem, ein guter Moderator zu sein. Mitunter ließ die theoretische (marxistische) Grundierung zu wünschen, und das Verhalten der bisherigen Parteiführung (wie auch vieler Mitglieder) zeigte, wie wenig dialektisches Denken verinnerlicht worden ist.
Auch Sahra Wagenknecht kann nicht freigesprochen werden. Ihr rigoroses Auftreten war nicht immer verbindend. Politik ist ein hartes, aber auch sensibles Geschäft. Zwar differenzierte sie ihre Einschätzungen, aber es hätte ihr gutgetan, diese Differenzierung etwas stärker auszuführen und die positiven Seiten, die der Linksliberalismus – bei allen Ecken und Kanten – durchaus hat und die mit der „traditionellen Linken“ vereinbar sind, zu beachten. Die berechtigte Kritik am Identitätskult ließ außer acht, dass viele Bürger, die als Partner der Linken zu gewinnen wären, ehrlichen Herzens für identitäre Gleichberechtigung gefochten haben (wer möchte nicht mit sich identisch sein?) Wagenknechts radikal-ironische Abneigung gegenüber dem sogenannten Lifestyle war, man muss es sagen, auch von Aversionen geprägt. Und die einstigen Lobgesänge auf Ludwig Erhard sind fragwürdig.
Die Attacken gegen die angeblichen Spalter der Linkspartei nahmen groteske Züge an. Sahra Wagenknecht ist nach dem Erscheinen ihrer Gesellschaftsanalyse „Die Selbstgerechten“ regelrecht gemobbt worden, und die Brüskierung des neuen Bündnisses steigerte sich zu Schlägen unter der Gürtellinie. Martin Schirdewan behauptete, das BSW sei „ein Geschenk für die AfD, weil … die extreme Rechte durch das BSW und seine Positionen gestärkt wird.“ Ist die Aussage für sich schon skurril, könnte im Gegenteil gefragt werden: Waren nicht die innerparteilichen Diskrepanzen und ihre programmatische Unklarheit ein Geschenk für die AfD? Auf einer Pressekonferenz beschimpfte er den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Friedrich Straetmanns, weil er zum BSW wechseln wollte, als „Charakterzwerg“. Die Akteure der Gegenseite waren nicht feiner. Klaus Ernst befand, dass im Linke-Vorstand nur Dummköpfe sitzen. Nebenbei bemerkt: Mit dem „Linkssein“ glauben offenbar die „Woken“, wie man heutzutage sagt, die „besonders wachsamen“ Kameraden, gewisse Regeln des bürgerlichen Anstands missachten zu dürfen.
Man muss keinen Psychokurs absolviert haben, um zu erkennen, dass hier Aversionen wirken, individuelle Abneigungen (das können sogar triviale Äußerlichkeiten sein), die sich normalerweise einer Begründung entziehen. Immer wieder kommt es zu persönlichen Ausfällen, zu unterschwelligen Hass. Man kann diese Gespaltenheit als Fehlschöpfung des Menschen hinnehmen. Der auf Ausgleich bedachte Immanuel Kant war in dieser Hinsicht rigoros: „… böse Absichten an anderen zu erklügeln“ nannte er „Afterpolitik“.
Es steht jedem frei, zum Programm des BSW oder dem, was bisher über ein künftiges Programm verlautbar wurde, unterschiedlicher Meinung zu sein, aber wenn der Sozialwissenschaftler Alex Demorović die durchaus ernst zu nehmenden, konkret sozialen und pazifistischen Absichten des Bündnisses als opportunistischen „Designer-Populismus“ abtut, ist das eine Unterstellung, die nicht den Tatsachen entspricht. Wie es jetzt aussieht, ist das Bündnis als dezidiert links einzustufen. Es tritt ökonomisch nicht weniger radikal auf als Die Linke. Als links-konservative Kraft, wie anheim gestellt wird, was kein Hindernis sein muss, wenn man unter konservativ das Anknüpfen und Weiterführen der emanzipatorischen Tradition versteht. Es ist, zumal ohne konkrete Analyse der Positionen im Kontext der Grundaussagen, sachlich falsch, dem Wagenknecht-Bündnis eine Nähe zur AfD anzulasten. Auch die Behauptung, das BSW fröne einem „kapitalismuskonformen Leistungsfetisch“ (Jana Frielinghaus) kehrt die Konstellation um. Aus dem Wählerecho zur Europawahl und zahlreichen Briefen kristallisiert sich die Einschätzung heraus, dass es nun zwei sozialistische Parteien gäbe.
Aversionen sind das Gift der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Missachtung der Würde des Anderen untergräbt die Brücken des Vertrauens. „Wie schön wäre doch eine neue revolutionäre Freundlichkeit in den Debatten, nach innen und nach außen!“ Diesen hoffnungsfrohen Satz danken wir Ines Schwerdtner und Jan van Aken, die für den Parteivorsitz kandidieren. Statt sich bei inhaltlichen Differenzen abzuschotten und ein eventuell, wie auch nimmer ausgelöstes Unbehagen gegenüber dem Partner in feindselige Animosität ausufern zu lassen, sollten wir uns eher auf Ludwig Feuerbachs Philosophie vom „Ich und Du“ einlassen. Es war vielleicht kein guter Einfall von Marx, vor allem seitens Engels’, sie allzu schnell als „Liebesreligion“ abzutun, wobei zu bedenken ist, dass Feuerbach den Religionsbegriff sehr weit, bis ins Säkulare, aufgefasst hat. Im Klassenkampf, im Verhältnis zu unseren wirklichen Gegnern, ist das Ich-Du-Prinzip unbrauchbar; deswegen haben Marx und Engels es heftig kritisiert. Aber unter Gleichgesinnten sollte das achtungsvolle „Ich und Du“ gelten: Siehe in deinem Verbündeten dich selbst, das Du als ein anderes Ich, denn grundsätzlich wollen wir das Gleiche. Das wäre eine Basis für eine fruchtbare Kommunikation.
Sommer 2024. Unveröffentlicht.
Nierendorf Josef Scharl
Von Einstein inspiriert
Josef Scharl in der Galerie Nierendorf
Albert Einstein, der uns den Kosmos entzauberte und mitfühlend das irdische Leben begleitete, der große Einstein, selbst schwer erkrankt, hat für Josef Scharl, 1954 im Exil gestorben, die Grabrede geschrieben: „Alles an ihm war echt, ursprünglich und unverdorben. Er sah durch die Tragik und durch die Abgründe dieser Menschenwelt … Nie war er einem schwächlichen Kompromiss zugänglich …“ Die Galerie Nierendorf zeigt nun einen Querschnitt aus dem Schaffen des so sympathisch wirkenden, manchmal witzigen und rätselhaften Künstlers.
Der 1896 in München geborene Scharl, dort Mitglied der Neuen Sezession und der „Juryfreien“, hatte Einstein 1927 in Berlin kennengelernt und zum ersten Mal porträtiert. Seitdem entstanden mehrere großformatige, sehr bekannt gewordene Ölbildnisse (eines davon hängt in der Neuen Nationalgalerie Berlin), auch Holzschnitte, Lithographien, Federzeichnungen des verehrten Lockenkopfes mit der krausen Denkerstirn. Trotz seines eigenwilligen Stils wurde Scharls Werk nicht nur unter Bohemiens gepriesen. München ehrte ihn. Er durfte in die Villa Massimo in Rom einziehen. Aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war der Bruch auch seiner Biografie vorbestimmt. Ausgerechnet in der Stadt, die ihm den Dürer-Preis verliehen hatte, in Nürnberg, wurden etliche Bilder Josef Scharls 1935 auf der ersten Propagandaschau sogenannter „entarteter Kunst“ der Diffamierung preisgegeben. Es folgten Ausstellungs- und Malverbot. Er emigrierte 1938 in die USA.
Ein intensiver Briefwechsel mit Einstein festigte die Freundschaft, und Scharl hat den Physiker oft in Princeton besucht. 1952 erhielt er durch die Fürsprache des Nobelpreisträgers die amerikanische Staatsbürgerschaft. Einstein unterstützte ihn auch finanziell bei Ausstellungsvorhaben. Viel Zuspruch fand sein ungefälliges Werk beim amerikanischen Publikum nicht. Allein die Illustrationen für die Erstausgabe von Grimms Märchen und Adalbert Stifters „Bergkristall“ brachten ihm einige Dollar.
Die markante Malweise hebt Scharls Bilder von allen „Modetorheiten“ ab, wie Einstein festhielt. Kräftige Farben, die an sein Vorbild van Gogh erinnern. Einen Gegensatz von Licht und Schatten gibt es bei ihm nicht. Ein kurvenreiches Lineament, schwarze Konturen. Blumen, Stillleln, Landschaften sind keinesfalls naturalistisch wiedergegeben, sondern weitgehend ornamenthaft, in späteren Jahren bis zur Abstraktion gestaltet.
Er liebte die farbliche Verfremdung; da sieht ein Gesicht manchmal blau oder braun aus; scharf umrundete Augen, überdeutliche Gesichtszüge. Und doch haben seine Porträts etwas Gütiges. Sein künstlerisches Credo war: Klarheit, Harmonie und Ausgewogenheit.
Die Gespräche mit Albert Einstein haben sich in Scharls Œuvre in zahlreichen kosmischen Bildmotiven niedergeschlagen. Die Dynamik des Alls besonders in den Federzeichnungen: „Birth of a Star“ (2400 Euro), „Stars in Motion“, besonders beeindruckend das Ölbild „Fallende Sterne“ (1962, 15 000 Euro), Sonnenauf- und Untergänge, stets in galaktische Farbbänder gehüllt. Oder: „Zwei Sonnen kämpfen um den Raum“, „System of stars travelling through space“ (2400 Euro). Nichts ist starr. Einstein hat ihm die naturwissenschaftlichen Kenntnisse vermittelt, die seinem Gesamtwerk auch eine metaphysische Komponente zu geben vermochten. Selbstverständlich wird auch eines seiner Porträts geboten: Einstein mit Pfeife in der Hand (1944, signiert, auf Nachfrage).
Wichtige Motive waren Bildnisse von Außenseitern der Gesellschaft: Er malte Obdachlose, vereinsamte Menschen, den Lokführer, den Bergmann und immer wieder tote oder verletzte Soldaten. Auch Wohlstandsbürger, Vertreter der Politik und des Klerus, aber auf den ersten Blick wird deutlich, wem die Empathie des Künstlers galt.
Kunsthistoriker haben das Werk Josef Scharls dem Spätexpressionismus zugeordnet. Einige sehen darin auch Anklänge an die Neue Sachlichkeit, was wenig nachvollziehbar ist. Er hat einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Die reduzierte Formensprache mag manchen Betrachter fürs erste abschrecken, aber sie überzeugt durch ihre Kompromisslosigkeit.
Die Galerie Nierendorf hat Scharls Gemälde schon sehr früh und nachhaltig offeriert. Noch in dem riskanten Jahr 1935 wagte sie – sehr mutig! – eine öffentliche Schau. Nachdem auch Karl Nierendorf in die USA emigrierte, richtete er viele Scharl-Ausstellungen in seiner New Yorker Galerie aus, und ab den 1960 Jahren zeigte die in Berlin wiedereröffnete Galerie wiederholt Bilder des einst verfemten Malers und Graphikers. Dem Werk wurde zu neuem Ansehen verholfen. Scharl ist eine Augenweide und ein intellektueller Genuss. Alle in der Ausstellung gezeigten Bilder befinden sich im Besitz der Galerie.
Tagesspiegel, 4.1. 2025, mit dem Einstein-Porträt.
Edition Fischer
Wegmarken ins Künstlerleben
Die Edition A.B. Fischer wurde mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis gewürdigt
Kann man es als ein Symptom ansehen, dass ein unabhängiger Verlag, der seit 30 Jahren höchsten literarischen Ansprüchen gerecht zu werden versucht, mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis 2025 ausgezeichnet worden ist und die auf diese Weise gewürdigte Edition A.B. Fischer sich just mit ihrem jüngsten Titel Wolfgang Hilbig widmet? Dem Dichter, der sich nirgends zugehörig fühlte, der Zwischenexistenz schlechthin?
Hervorgehoben hat die Preisjury die vorzüglich gestaltete Reihe „Menschen und Orte“, in der berühmte Autoren und Künstlerinnen an ihren authentischen Lebensorten vorgestellt werden. Die Reihe hat es auf mehr als 40 Titel gebracht und wird von Liebhabern gesammelt. Das zweite Standbein – neben einem vielseitigen Belletristikprogamm – ist die Reihe „Wegmarken“, welche jenen Künstlern vorbehalten ist, die an ihren Wirkungsorten keine Gedenkstätten hinterlassen haben; hier gehen die Verfasser sozusagen auf Spurensuche.
Beide Reihen folgen bündigen Konzepten, jedoch sind die einzelnen Hefte unterschiedlich strukturiert, je nach geschichtlichem Hintergrund der Porträtierten und der Mentalität oder dem Drive der Autoren. Uwe Kolbe, ein kongenialer Autor für den ebenfalls der dissidentischen Szene entwachsenen Wolfgang Hilbig (1941 bis 2001), legt seinen Großessay biografisch an, ausgehend von der Herkunft, dem ruinösen Drecknest Meuselwitz südlich von Leipzig. Zugleich erhellt und deutet er bis in feinste Bemerkungen das schwierige Werk Hilbigs. Jürgen Hultenreich hingegen, der in dem „Wegmarken“-Band „Das Bamberg des E.T.A. Hoffmann“ das Scheitern des Musikdirektors und die Geburt des phantastischen Erzählers der „Kreisleriana“ und der Mythe vom „Goldnen Topf“ nachzeichnet, bedient sich einer Schnitttechnik, um Brüche und dennoch die Stringenz der künstlerischen Entwicklung zu verdeutlichen.
Wolfgang Hilbigs Hinterlassenschaft steht trotz der siebenbändigen Werkausgabe des S. Fischer-Verlages immer noch ein wenig im Schatten der großen Koryphäen. Während manche Rezipienten seine Lyrik und Prosa als einzigartig feiern, stört andere die durchgängige, wenngleich kritische Selbstbezogenheit des Autors. In der DDR war er den Systemgläubigen suspekt. Aber im Westen, so vorbehaltlos seine Bücher gedruckt wurden, ist er auch nicht angekommen. Seine stilistisch formvollendeten Texte sind anspruchsvoll; die Metaphorik wechselt zwischen gespenstisch anmutendem Unrat – die „Asche“ des Lebens – und berauschender Schönheit, sie verstört und beunruhigt.
„Die Basis seines Werkes bildet Durchlebtes“, schrieb sein Biograf Michael Opitz. Ja, er hat etwas durchlebt – im Unterschied zu manchem unsäglich „autofiktionalen“ Schreiberling. Der gelernte Bohrwerksdreher, in Großbetrieben des Braunkohlereviers auf Montage unterwegs, zehn Jahre Industrieheizer in verräucherten Kellern, ein Arbeiter, der sich nicht erst die produktive Wirklichkeit erschließen musste, wie es im Aufruf der Parteioberen an die Künstler hieß, er verkörperte sie. Das Motto des sogenannten Bitterfelder Weges „Greif zur Feder, Kumpel!“ hätte die Gralshüter in Begeisterung versetzen müssen, aber nein, sie drangsalierten ihn und verlegten seine Schriften nicht. Uwe Kolbe widmet diesem Widerspruch ein eigenes Kapitel. Der Dissenz war unvermeidlich, denn die Meuselwitzer Erfahrungen nährten „das unbestimmte Gefühl, einer enterbten, macht- und geistlosen Klasse anzugehören“, die „gegen die da oben nichts tun“ könne. Hilbig lehnte den Begriff des Arbeiterschriftsteller ab. Allenfalls glaubte er, schreibend an einem von Staub und Asche freigewischten Tisch im Kesselhaus etwas bewirken zu können. Kolbe verfolgt eindrücklich, wie den Schriftsteller, der er ja nun war, diese Zwitterexistenz schier zerrissen hat.
Ein farbenprächtiges Genrebild des Lebens in den Räumen des Barkenhoffs zu Worpswede malte hingegen der vorausgehende Titel der „Wegmarken“-Reihe, Mathias Ivens „Das Teufelsmoor des Rainer Maria Rilke“. Die stille, dem künstlerischen Schaffen zuträgliche Landschaft, auch das von dunklen Kanälen durchzogene Teufelsmoor war es, die den Maler Heinrich Vogeler veranlasst hatte, die berühmte Künstlerkolonie eben dort zu gründen. Sie ist durch Namen wie Otto Modersohn, seine Frau Modersohn-Becker, Fritz Overbeck und eben auch Rilke bekannt geworden. In dieser „Familie“ hat er Clara Westhoff, eine stattliche, selbstbewusste Bildhauerin, kennengelernt: 1901 heirateten sie.
Wie erstaunlich genau Mathias Iven die Geselligkeit im Barkenhoff wiedergibt, lässt auf eine überaus gründliche Recherche schließen. Aber das Maler wie Dichter ursächlich inspirierende Sujet bleibt das Teufelsmoor. Die naturverbundene Art des Lebens, „das durch große Augen eingeht in ewigwartende Seelen“, wie Rilke schreibt, prägt ihn. „Ich muss viel von diesen Menschen lernen.“
Besonderes Lob gebührt der einfühlsamen Begleitung der Spurensuche an den Wirkungsstätten der Künstler durch die Fotografin Angelika Fischer. Ihr Blick gibt allen Heften der „Wegmarken“, neben dokumentarischen Aufnahmen, einen überzeugenden gestalterischen Rahmen.
Junge Welt, 21.1. 2025
Feuer unterm Eis (Vulkanismus am Gakkelrücken)
Tiefsee-Vulkane
Feuer unterm Eis
Lava speiende Vulkane und Schwarze Raucher in der Nähe des Nordpols: Was die internationale Fachwelt über Jahrzehnte für unmöglich gehalten hat, bietet einen neuen Blick auf die geologischen Vorgänge in unserem Planeten – und bringt eine wahre Höllenküche ans Licht.
Gert Lange ist Wissenschaftsjournalist und hat an mehreren Polarexpeditionen teilgenommen. Er veröffentlichte mehrere Sachbücher sowie Shortstorys, letztere unter dem Pseudonym Jens Grandt.
Auf einen Blick
Vulkanismus im Eismeer
1 Ozeanische Rücken, die sich sehr langsam spreizen, sollten nach gängiger Lehrmeinung keine Schwarzen Raucher beherbergen. Aktive Vulkane galten als wenig wahrscheinlich.
2 Expeditionen in die Arktis haben das Gegenteil bewiesen. Seit 2014 wurden im Aurorafeld am Gakkelrücken unter dem Eis des Arktischen Ozeans acht Schwarze Raucher entdeckt.
3 Ozeanwasser zirkuliert dort in geologischen Brüchen bis zum oberen Erdmantel. Dadurch verwandelt sich das Gestein in ein serpentinhaltiges, weiches Medium, das einen Teil der neuen ozeanischen Kruste bildet.
Im August 2023 betrachtete Vera Schlindwein auf dem Forschungseisbrecher »Polarstern« spektakuläre Bilder, die eine Kamera aus tausenden Metern Tiefe vom Grund des Arktischen Ozeans zu ihr hinaufschickte. »Überall flimmerte das Wasser, und an vielen Stellen qualmte es kräftig aus den Schloten: Schwarze Raucher.« Der Name – oft wird auch der englische Begriff „Black Schmoker“ verwendet – rührt von dem sehr heißen Wasser her, das aus dem Schlot austritt und durch die gelösten Minerale meist schwarz gefärbt ist. »Im Aurorafeld konnten wir ein ganzes Netz bisher unbekannter, verhältnismäßig eng beieinanderliegender Black Smoker lokalisieren – und wer eine geographische Entität entdeckt, darf sie bezeichnen. Wir tauften die Raucher mit arktischen Namen: Polar Bear, Walross, Arctic Fox …«
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven sowie der norwegischen GoNorth-Initiative war Schlindwein zum Aurorafeld aufgebrochen: einer Ansammlung von hydrothermalen Quellen und Schwarzen Rauchern, nördlich von Grönland auf etwa 82 Grad Nord, 6 Grad West. Das Team hatte einen Tiefseeroboter an Bord, ein Nereid Under Ice Vehicle (NUI), den ein zehnköpfiges amerikanisches Team bediente. »Damit konnten wir längere Zeit vor Ort untersuchen, wie die Gebilde der Black Smoker aussehen«, erklärt Vera Schlindwein, »das Schiff driftet ja mit dem Eis weiter und man braucht ein Gerät, das vor Ort bleibt«.
Es war die vorerst letzte Expedition zum Aurorafeld. Glücklich und doch ein bisschen unzufrieden resümiert die Geophysikerin: »Wir haben insgesamt acht neue Smoker entdeckt, aber weil das Eis in diesem Jahr überraschend dick war, konnten wir den Vulkanismus entlang des Gakkelrückens nicht weiter untersuchen.«
Schwarze Raucher und Vulkane unter dem Eis des Arktischen Ozeans? Die heute oder morgen glühende Lava speien, welche das Wasser aufheizt? Schwer vorstellbar. Selbst Fachleuten schien das noch kurz vor der Jahrtausendwende undenkbar. Doch dann rückten bahnbrechende Entdeckungen den Arktischen Ozean in ein neues Licht. »Als wir über den Gakkelrücken fuhren, brodelte es unter dem Eis, als würde die Erde aufbrechen«, erinnert sich Jonathan Snow, damals Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und heute Professor an der Louisana State University in Baton Rouge.
Der nach dem russischen Ozeanographen Jakow Gakkel (1901–1965) benannte unterseeische Gebirgszug, mächtiger als die Alpen, erstreckt sich über eine Länge von 1800 Kilometern zwischen Nordgrönland und dem sibirischen Schelf; seine Gipfel ragen aus einer Tiefe von 5500 Metern hinauf bis 600 Meter unter dem Meeresspiegel. Schon lange wurde vermutet, dass sich im Gakkelrücken jener Spalt in der Erdkruste des Atlantischen Ozeans fortsetzt, der als mittelozeanischer Rücken bezeichnet wird. Aber das Gebirge blieb rätselhaft, auch weil die Arktis im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion für die zivile Wissenschaft tabu war.
Aus dem Modell der Plattentektonik schlossen die Geophysiker, dass die Riftzone südlich des Nordpols ein sehr langsam spreizender ozeanischer Rücken ist und dass deshalb kein Magma nach oben dringen kann. Wie der Meeresboden aussieht, war völlig unbekannt. Zwar hatte der deutsche Forschungseisbrecher »Polarstern« 1991 den Gakkelrücken gequert, und zum ersten Mal kartierte man einen Streifen mit Hilfe von Schallwellen, aber was ist das schon? Immerhin gewährten die Erkenntnisse einen punktuellen Einblick in einen zirka 15 Kilometer breiten Streifen des Riftgrabens. Was sich darin abspielt, sollte sich geradezu als ein Höllenspektakel erweisen.
Vermutlich wussten die Strategen der amerikanischen und russischen Marine schon etwas mehr, doch deren Daten blieben geheim. Erst 1999 erschienen die ersten Veröffentlichungen über den Gakkelrücken. »Das war alles noch sehr vage. Vor allem wussten wir nicht, welche Prozesse dort stattfinden«, sagt Wilfried Jokat, der damals das geophysikalische Team des AWI leitete.
Im gleichen Jahr wurden die Wissenschaftler des Forschungsinstituts auf rund 300 starke Erdbeben bei 85 Grad nördlicher Breite und 85 Grad östlicher Länge aufmerksam. Sie deuteten diesen über acht Monate andauernden Bebenschwarm – einen der stärksten an mittelozeanischen Rücken weltweit – als Vorboten eines gewaltigen Vulkanausbruchs. Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, dass explosiver Vulkanismus in Wassertiefen von ungefähr vier Kilometern nicht vorkommen kann, weil der Umgebungsdruck zu hoch ist.
Eine amerikanisch-deutsche Expedition steuerte den 85°Ost-Vulkan 2007 an. Die Woods Hole Oceanographic Institution hatte den schwedischen Eisbrecher »Oden« gechartert und erkundete mit einer speziell entwickelten Kamera den Meeresboden. »Wir sahen überall diffuse Ausscheidungen«, erinnert sich Vera Schlindwein, die damals eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern leitete, um aktive geologische Prozesse am Gakkelrücken zu erforschen. »Aber die Schlote von Schwarzen Rauchern konnten wir nicht finden. Auch die Eruption war inzwischen versiegt. Wir erkannten ausgedehnte Ascheschichten, wie sie für Landvulkane typisch sind, etwa den Vesuv, durch dessen Ausbruch im Jahr 79 das blühende Pompeji begraben wurde.« Zum ersten Mal sahen sie direkt die Folgen einer Vulkanexplosion in großen Wassertiefen. An vielen Stellen fand sich frische Lava, auf der sich eine orange-gelbe Masse abgesetzt hatte: Bakterienmatten, die von den im warmen Wasser gelösten Mineralen lebten.
Mit der AMORE-Expedition (Arctic Mid-Ocean Ridge Expedition) versuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2001 erstmals, einen Teil des Gakkelrückens systematisch zu erkunden. Das Eis lag locker, so dass die beiden Schiffe »Polarstern« und der amerikanische Eisbrecher »Healy« die unterseeischen Flanken des Grabens parallel untersuchen konnten. Die Crew kartierte den westlichen Teil des Rückens komplett über etwa tausend Kilometer. Dabei entdeckte sie vor allem im Tal des Rifts viele kleine Vulkankegel. Bedauerlicherweise kann man einen Vulkan nicht unter Wasser fotografieren – wie an Land vom Flugzeug aus. Im Ozean sind die Forscher daher auf ein physikalisches Auge angewiesen: das Fächerecholot. Es tastet mit Schallimpulsen den Meeresboden ab; sie werden reflektiert, an Bord wieder empfangen, und aus der Laufzeit errechnet ein Computer die Höhenunterschiede des Untergrunds.
Weil die Geologen nun die Gestalt des Meeresbodens kannten, konnten sie so genannte Dredschen hinter dem Schiff über ihn hinwegziehen. Das sind Kettensäcke oder Stahlkübel mit starken, angeschweißten Zähnen. Zwölf Tonnen Gestein sammelten sie auf diese Weise ein und hievten sie auf diese Weise an Bord. »Jedes Mal, wenn der Schurf an Deck ausgekippt wurde, knisterte die Luft vor Erwartung. Die halbe Crew versammelte sich an Deck. Ich traute meinen Augen kaum«, sagt Snow: »Basalt! Noch nicht verwittert, konnte nicht sehr alt sein, echter Basalt.« Basalt ist erstarrtes Magma – der Beweis, dass am jeweiligen Fundort ein Vulkan aktiv war oder noch aktiv ist. Für die Forschung waren die kalten Stein Gold wert.
Denn vorhergesagt worden war ein Gesteinstyp, der aus dem oberen Erdmantel stammt: Peridotite, die allein durch tektonische Bewegungen aufsteigen und in den Meeresboden gedrückt werden. »Alles kalt und starr. Ergussgesteine? Da braucht ihr gar nicht erst hinzufahren«, hatten daher etliche Koryphäen postuliert. »Aber als wir dann dort waren, war das Gegenteil der Fall«, sagt Jokat, »wir haben überwiegend Basalte zu Tage gefördert.« In einem Schurf fanden sich Gesteine von einem frischen Schwefelschlot. »Wir gingen von einem hydrothermal toten Rücken aus, aber jedes Mal, wenn wir unsere Messinstrumente aus dem Meer zogen, gab es Hinweise auf hydrothermale Aktivitäten«, ergänzt Jonathan Snow. Sie nannten das Gebiet, in dem vermutlich massive, »dampfende« Schlote vorkommen sollten, »Aurorafeld«.
2014 brach wieder eine Expedition dorthin auf. Die Biologin Antje Boetius, seit 2017 Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, wollte die an extreme Bedingungen angepasste Fauna untersuchen – »Inseln chemosynthetischen Lebens der Tiefsee, deren Ökosystem bisher kaum verstanden ist«, wie sie sagt. Vielleicht sind an diesen Quellen in der Erdfrühgeschichte die ersten organischen Substanzen entstanden. Vor Ort ließ die Crew einen Tiefseekameraschlitten zum Meeresboden hinab. Vera Schlindwein, die wieder Teil der Expedition war, ist heute immer noch beeindruckt von den damaligen Aufnahmen: »Zahlreiche tiefe Spalten waren zu sehen, in denen vermutlich warmes Wasser aufströmte. Erst am letzten Tag der Expedition konnten wir zum ersten Mal einen aktiven Schwarzen Raucher filmen.«
Eine besondere Kuriosität findet sich am östlichen Ende des Gakkelrückens. Hier ist das Rift mit einer bis zu drei Kilometer mächtigen Sedimentschicht bedeckt. Und dennoch tut sich ein von Vulkankegeln umgebenes riesiges Loch auf, das Gakkeltief: 5310 Meter bis hinab zum Meeresboden. Das Gebiet wurde 2008 vermessen und kartiert. Die Bodenproben konnten erst zehn Jahre später datiert werden, weil es zuvor für die relativ jungen Basalte keine entsprechende Technik gab. John O’Connor von der Universität Amsterdam, die jetzt über die Apparatur verfügt, hat für das Gestein am Gakkeltief ein Alter von etwa drei Millionen Jahren ermittelt. Die Basalte aus dem westlichen Teil sind zwischen sieben und drei Millionen Jahre alt. Mit diesen Datierungen war erwiesen, dass sich der Gakkelrücken tatsächlich nur zwischen sechs und 14 Millimeter pro Jahr aufspreizt.
»Wir wollen klären, warum und wie die hydrothermale Zirkulation funktioniert. An einem extrem langsam spreizenden Rücken hat man ihr Vorkommen für unmöglich gehalten«, sagt Vera Schlindwein. »Das sind Orte, an denen der größte Austausch von Energie und Materie zwischen dem Ozean und der Lithosphäre stattfindet. Es kommt darauf an zu erkennen: Wie tief sind die Bruchzonen? Wo sind die Wärmequellen? Kann das Wasser bis in den Oberen Erdmantel vordringen und dessen Minerale lösen? Wie entsteht neuer Meeresboden, letztlich Erdkruste, auf der alles Leben existiert?«
Für diese Dynamik braucht es, was Geowissenschaftler »Wegsamkeiten« nennen. Damit bezeichnen sie die Gänge im Gestein; im Prinzip sind es die Bruchzonen, in denen die hydrothermalen Flüssigkeiten hoch- und niederzirkulieren. Sie sind seismisch aktiv, lösen also kleine Erdbeben aus, die es zu lokalisieren gilt, um die Wege sichtbar zu machen. Deshalb setzte bereits das Team der AMORE-Expedition 2001 zu Testzwecken Seismometer auf driftenden Eisschollen aus. Sie registrierten Knallgeräusche, die sich wie Schüsse anhören. Seit 2014 hat Vera Schlindwein mit ihrem Team den Einsatz von Ozeanbodenseismometern (OBS) vorangetrieben. Sie werden am Meeresgrund verankert, können Beben sehr viel genauer aufzeichnen.
Bei der neuesten Expedition im August 2023 grenzte die Crew der »Polarstern« mit Hilfe dieser Technik im »Lena-Trog« – einer weiteren ultralangsamen Spreizungszone, die an den Gakkelrücken angrenzt – das voraussichtliche Gebiet eines Schwarzen Rauchers ein. Wenige Tage später wurden die norwegischen Kollegen auf dem Forschungsschiff »Lena« an einem als »Lucky B« bekannten unterseeischen Rücken fündig. Mit einem großen, leistungsstarken ferngesteuerten Gerät (Remotely Operated Vehicle, ROV), das sonst für industrielle Zwecke eingesetzt wird, ergriffen sie eine große Steinlast und klassifizierten den Fund an Bord. Das Highlight für die Fachleute: Sie fanden dort Pyrit (Schwefelkies, FeS2), ein deutlicher Hinweis auf stark sulfidische Quellen, die über lange Zeiträume Lagerstätten des Minerals bilden.
Das Netz von Seismometern war schon ein Jahr zuvor verankert worden, um möglichst viele Erdbeben aufzuzeichnen. Es bedurfte einiger Geduld und Mühe, die Ozeanbodenseismometer unter der fast komplett mit Eis bedeckten Arktischen See wieder unbeschadet an die Oberfläche zu bringen. Die Daten von drei Feldern mit Schwarzen Rauchern zeigen, dass diese Areale unterschiedlich aufgebaut sind: Während der Schlot von Lokis Schloss am Knipovichrücken direkt auf der Vulkankette qualmt, so befindet sich der Auftriebsherd im Jotul-Hydrothermalfeld nahe Spitzbergen seitab, und der Raucher sitzt auf einer geologischen Störung, also in einem Riss. Das Aurorafeld wiederum liegt auf einem basaltischen Hügel, die eigentliche Rückenachse dagegen vermutlich außerhalb. »Wir haben nun einen umfangreichen Datensatz und hoffen, durch die Auswertung auch die Wärmequellen zu finden, die jene Zirkulation antreiben«, erklärt Vera Schlindwein.
Was bedeutet das alles? Die Proben vom Meeresboden bezeugen einerseits, dass bei sich langsam spreizenden Rücken dieselben Mechanismen aktiv sind wie bei schnell arbeitenden Rückensystemen. Andererseits unterscheiden sich die Stoffflüsse stark zwischen den Systemtypen. Das war völlig neu. Offenbar entscheidet nicht allein die Spreizungsgeschwindigkeit über das Maß vulkanischer Aktivität, sondern auch die chemische Zusammensetzung und die Temperatur der Gesteine im oberen Erdmantel.
An solchen Spaltzonen wie dem Gakkelrücken, die sich nur sehr gemächlich auftun, dringt das Wasser an geologischen Störungen einige Kilometer tief bis in Gesteine des oberen Erdmantels ein. Dabei bildet sich ein serpentinhaltiges Gestein, das wie Schmierseife wirkt. Dadurch verschieben sich die tektonischen Platten, ohne zu ruckeln – während derselbe Vorgang in anderen Regionen starke Erdbeben auslöst. Dennoch gibt es auch bei geringen Spreizungsraten ein »Förderband«, auf dem Magma aus größeren Tiefen aufsteigt, die entstehenden Lücken füllt und neuen Ozeanboden bildet. Das verursacht ebenfalls – meist kleinere – Erdbeben, die mit hochempfindlichen Ozeanbodenseismometern registriert werden können. Aber dieses Förderband setzt manchmal aus, weil temperaturbedingt nicht genug Schmelze nach oben gelangt.
»Doch wir konnten nachweisen, dass an ultralangsamen Spreizungsrücken durch die Zirkulation des Wassers bis zum oberen Teil des Erdmantels Wärme und zum Beispiel Methan in Dimensionen freigesetzt wird, die wir an den verhältnismäßig kalten Rücken nicht erwartet hatten«, erzählt Vera Schlindwein.
Auch die ozeanische Kruste, welche die Kontinentalplatten von Nordamerika und Eurasien auseinandertreibt, entspricht am Gakkelrücken nicht den bisherigen Vorstellungen. In den magmatischen Regionen des östlichen Teils ist sie zwischen fünf und sechs Kilometer dick, im nicht-magmatischen, zentralen Segment hingegen misst sie weniger als drei Kilometer. Die Fachwelt ging bisher von einer gleichmäßigen, ungefähr sieben Kilometer dicken Erdkruste aus.
»Die Aurora-Expeditionen zeigen, dass sich nicht allzu weit vom Nordpol entfernt ein chemischer Hexenkessel befindet, von dessen Existenz wir bisher keine Ahnung hatten«, resümiert Wilfried Jokat. »Seltsam dabei, dass in bestimmten Zentren verstärkt Magma aus dem Boden quillt, während in anderen Gebieten die Meeresnymphen schlafen. Die globalen Modelle über den Mechanismus mittelozeanischer Rücken lassen sich nicht so einfach auf ultralangsam spreizende Rücken anwenden. Wir mussten sie anpassen.«
Längst sind noch nicht alle Abläufe verstanden, die unseren Planeten Erde prägen. Der mit dieser Grundlagenforschung verbundene Aufwand ist unabdingbar, um zu erkennen, wie die auf den ersten Blick so starr erscheinende Hülle der Erde aufgebaut ist und wie sie sich verändert.
Spektrum der Wissenschaft, Heft 8/2024
Irritationen in Poseidons Küche
Die Erwärmung des Klimas verändert auch die Meeresströme im Arktischen Ozean
Eine junge Frau steht an Deck des Forschungseisbrechers Polarstern, im orangefarbenen Overall, Schutzhelm, Walkie-talkie zur Hand und wartet auf ihren Einsatz. Die Schottflügel im Schanzkleid sind geöffnet. Der Blick ins schwarze Auge ungeheurer Tiefen kann einen das Gruseln lehren. 4000 Meter bis zum Meeresboden. „Werden wir drei Stunden brauchen“, sagt Sandra Tippenhauer. Am Kranhaken ein Gestell mit vierundzwanzig schlanken Wasserschöpfern, die Routinesonde der Meereskundler, die sie beschönigend „Rosette“ nennen. Eine Sensoreinheit misst Conductivity (elektrische Leitfähigkeit), Temperature, Depth. Aus diesen Werten kann der Salzgehalt des Wassers bestimmt werden.
„Fier ab!“ befielt der Kapitän über Funk.
„Gerät geht zu Wasser!“
Sandra Tippenhauer eilt zum Windenleitstand, um auf dem Display den Lauf der Rosette zu verfolgen und in unterschiedlichen Tiefen die Wasserschöpfer per Mausklick zu öffnen.
Ein andermal, weit im Norden, fliegt Benjamin Rabe im Hubschrauber über dichtes Eis. Er sucht eine massive Scholle, auf der eine Boje ausgesetzt werden kann. Sie soll mit dem Eis in Richtung Grönland driften. Hier hängen die Sensoren an einem Draht im Wasser. Sie messen autonom und die Daten werden via Satellit ins heimatliche Institut gesendet.
Zwei Episoden, die das schwierige Geschäft der Ozeanographen verdeutlichen. Dazu kommen Verankerungen am Meeresboden, die an ausgewählten Orten über ein Jahr lang die Wassersäule vermessen und wieder geborgen werden.
Vom Eis war in letzter Zeit viel die Rede: dass die ganzjährig bedeckte Fläche pro Dekade mehr als zehn Prozent schrumpft, dass es dünner wird. Aber wie verhalten sich die Wassermassen unter dem Eis und in den Randmeeren, wenn die Temperaturen steigen? Ein im wahrsten Sinne vielschichtiges Thema, denn wir dürfen uns den Ozean nicht als ein homogenes Wasserbecken vorstellen. Er ist durch Strömungen gekennzeichnet. Ihre Dynamik zu erkunden ist ein Hauptanliegen des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.
Wegen ihrer Bedeutung für das Klimasystem stehen die polaren Ozeane verstärkt im Mittelpunkt Forschung. Dabei zeigen sich in Arktis und Antarktis deutliche Unterschiede. So stiegen die atmosphärischen Temperaturen in der Arktis etwa dreimal so stark an wie im globalen Mittel. Wirkt sich das auf die Meeresströme aus? „Zur Zeit wissen wir noch wenig darüber“, sagt Benjamin Rabe. „Aber zum Teil hat sich das Strömungsverhalten geändert, weil das vor allem über die Framstraße eingespeiste atlantische Wasser wärmer ist als noch Ende der 90er Jahre.“
Die Framstraße ist die Tür zum Arktischen Ozean, die einzige Tiefenwasserverbindung zwischen Nordatlantik und dem riesigen Meeresbecken um den Nordpol. Ein- und Ausgang: 2600 Meter tief, etwa 300 Kilometer breit. Sie befindet sich zwischen dem nördlich von Spitzbergen liegenden unterseeischen Yermak-Plateau und Grönland. An der östliche Seite dieses Grabens strömt drei bis sechs Grad Celsius „warmes“ Wasser nach Norden, auf der Westseite minus 1,8 Grad Celsius kaltes, von Eis bedecktes Wasser nach Süden in den Nordatlantik zurück, wo es sich bis zum Meeresboden herabmischt, denn kaltes Wasser ist schwerer als warmes, und wo es wie eine Pumpe die globale Ozeanzirkulation antreibt.
Zwischen Alaska und dem östlichen Zipfel Sibiriens, gibt es noch ein kleines Fenster, die Beringstraße, durch die pazifisches Wasser in den Arktischen Ozean gelangt. Aber sie ist nur etwa 50 Meter tief, sodass der Nachschub zwar auch den marinen Kreislauf beeinflusst, aber dominant für das Geschehen ist der Framstaßenstrom (sechs Millionen Kubikmeter pro Sekunde hat man errechnet). Deshalb hat das AWI seit 1997 mit Strömungsmessern und anderer Technik den Puls der Framstraße aufs penibelste registriert. Dabei zeigte sich, dass die nach Norden strömenden Wässer in den letzten dreißig Jahren um ein bis zwei Grad wärmer geworden sind. Das hört sich nach wenig an, aber wir müssen die Zahl in Relation zu den großen Wassermassen sehen. Die in den Tiefen gespeicherte Energie würde ausreichen, Europa um fünf bis sechs Grad Celsius zu erwärmen. Dieser „Input“ entscheidet wesentlich mit, wie sich die Wassermassen verhalten.
Die Wege des atlantischen Wassers durch den Arktischen Ozean erscheinen zunächst etwas verwirrend. Aber in der Arktis funktioniert nicht, was wir in der Schule gelernt haben: dass warmes Wasser stets obenauf liegt. Hier bestimmt er Salzgehalt die Höhenunterschiede. Da atlantisches Wasser einen hohen Salzgehalt von etwa 35 Gramm pro Kilogramm hat, ist es schwerer als das Oberflächenwasser; es strömt in einer Tiefenschicht zwischen 200 und 1000 Meter durch den Ozean. Und zwar bevorzugt nach Norden. Der Framstraßenstrom durchquert die arktischen Becken, kehrt aber weit im Osten, am sibirischen Ende des Lomonossowrückens, um und strömt zurück nach Grönland und in die Framstraße. Ein Ast biegt jedoch in den Beaufort-Wirbel des amerikanischen Sektors ein, wie Salz- und Temperaturanalysen gezeigt haben. Ein anderer Teil strömt schon südlich von Spitzbergen in die Barentssee, kühlt fast bis zum Gefrierpunkt ab und sinkt deswegen bis zum Boden in 300 Meter Tiefe.
Diese natürlichen Gegebenheiten mussten erst einmal erkannt werden, und die Wissenschaftler des AWI haben erheblichen Anteil daran, denn es fahren nicht viele Schiffe so regelmäßig wie Polarstern ins Eismeer. „Es hat lange gedauert, bis wir die Zirkulation verstanden haben“, sagt Rabe. Hinzu kommt, dass wir uns die Strömungen nicht als separierte Flusslinien vorstellen dürfen. Es gibt sowohl seitliche Vermischungen als auch vertikale mit oberflächennahem Wasser, etwa über den Schelfmeeren, wo zahlreiche Flüsse Süßwasser eintragen. Dadurch entsteht vor Ostsibirien ein salzarmer Strom, der das atlantische Wasser überlagert. Wiederum reichert sich Salz in den oberen Lagen an, wenn das Wasser im Winter zu Eis gefriert, denn Eis ist im Wesentlichen „süß“.
Alle diese Prozesse führen dazu, dass im zentralen Arktischen Ozean relativ salzarmes, kaltes Wasser obenauf liegt, im Vergleich dazu wärmeres, salzreiches Wasser darunter. Dazwischen bildet sich eine Grenzschicht, die sogenannte Halokline, die verhindert dass der atlantische Einstrom an die Oberfläche gelangt. (Wenn es nach oben käme, würde sich ja kein Eis bilden.)
„Das Überraschende und vielleicht Alarmierende“, sagt Benjamin Rabe: „In vergangenen Jahrzehnten entstand diese Grenzschicht am Beginn der arktischen Zirkulation, nämlich nördlich von Spitzbergen, wo das atlantische Wasser einströmt, allmählich abkühlt, sich zwar noch vermischen konnte, aber als eine tiefere Schicht in die Wassersäule einfügte. Diese Bedingungen haben sich in den letzten zwanzig Jahren weit nach Osten verlagert, sodass wir heute in der nördlichen Laptewsee ähnliche Verhältnisse haben, wie sie einst vor Spitzbergen herrschten.“ Der Salzgehalt an der Oberfläche hat sich dort erhöht, sodass er sich zwischen Oben und Unten weniger unterscheidet. Deswegen prägt sich die Grenzschicht, die wie eine Barriere wirkt, weniger stark aus oder wird überhaupt erst vor Ostsibirien gebildet. „Das bedeutet, dass atlantik-ähnliche Bedingungen in die Arktis hineingetragen wurden und werden. Wir nennen das Atlantifizierung“, sagt Rabe.
Welche Folgen das für Flora und Fauna hat, ist erst andeutungsweise erkannt. Bilder und Messungen am Meeresboden haben gezeigt, dass die Tiefsee der zentralen Arktis keine öde Wüste ist, sondern dass oft enorme Ansammlungen von Seegurken, Schwämmen, Haarsternen und Seeanemonen auftreten, die sich hauptsächlich von Eisalgen ernähren. Die Artenvielfalt könnte zunehmen. Andererseits: Als der Biologe Hauke Flores ein neuartiges Untereis-Schleppnetz aus dem Wasser zog, war er erstaunt, viele Polardorsche darin zu finden, die an das Leben unter dem Eis angepasst sind. Stirbt der Polardorsch aus, wenn es kein Eis mehr gibt? Oder die Kieselalge Melosira arctica, die sich zu meterlangen Ketten fügt? Durch die starke Eisschmelze sinken wahre Tangwälder zu Boden.
Dass die Eisdecke im Sommer so stark schrumpft, erklärt sich zwar vornehmlich durch den Anstieg der atmosphärischen Temperaturen und dadurch, dass sich Windsysteme (Hoch-und Tiefdruckgebiete), anders ausprägen. Der Schwund, den die Forscher auf ihren Fahrten und über Satellit beobachten, ist noch krasser als die heikelsten Computersimulationen aussagen. Allein die schnelle Reduktion der Treibhausgase kann diesen Trend mildern. Dennoch haben die Veränderungen im Ozean ähnliche Auswirkungen wie die Erwärmung der Luft. Die Laptewsee, stets als Geburtsbecken des Eises betrachtet, wo Polarstern im Sommer 2011 noch gegen mehrjähriges Eis ankämpfen musste, war danach weitgehend offen. Das neu gebildete winterliche Eis in dieser Region ist gerade mal ein Meter dick und somit dreißig Prozent dünner als die Jahre zuvor. Aber die Atmosphärendaten zeigten im Beobachtungszeitraum keine Auffälligkeiten. Die Antwort muss also im Ozean liegen.
Außergewöhnlich hohe Wassertemperaturen waren, so weiß man heute, mit atlantischen Wassermassen aus der Tiefe aufgestiegen. Zugleich sammelt sich das Süßwasser der Flüsse an der Oberfläche. Der Süßwassergehalt des oberen Arktischen Ozeans hat seit den 1990er Jahren um etwa zwanzig Prozent zugenommen. Das verstärkte Schmelzen des Eises im Sommer hat diesen Trend verstärkt. Wenn sich dann das Wasser tiefer vermischt, gelangt Wärme in den oberen Bereich, sodass entweder Eis auch von unten schmilzt oder es wird weniger Eis gebildet. Die eisfreie Zeit hat sich in den östlichen Region von einem auf drei Monate ausgedehnt.
„Ja, wir haben schon gemessen, dass und wie Eis von unten schmilzt“, sagt Rabe. „aber es liegen noch nicht genug Daten vor, um die Beobachtungen verallgemeinern zu können.“ Auch bei der Frage, ob die globale Erwärmung (abgesehen von der höheren Temperatur der eingetragenen Atlantikwässser) ganz unmittelbar einen Einfluss auf die Zirkulation der Meeresströme hat, ist Rabe vorsichtig, weil noch flächendeckende Messungen fehlen. Aber die Wissenschaftler scheinen sich darin nicht einig zu sein. Bereits 2004 fehlte vom pazifischen Wasser, das bisher mit einem Zweig des atlantischen Stroms in die Framstraße gelangte, jede Spur, auch 2008. Gerhard Kattner, Leiter der damaligen Expedition, bemerkte dazu: „Plötzlich fanden wir kein pazifisches Wasser mehr, das über die Beringstraße in den Arktischen Ozean gelangt, wie wir es stets vor Nordostgrönland geortert haben. Ein deutlicher Hinweis, dass sich das Strömungssystem, abhängig von vielerlei Faktoren, verändert.“
Neues Deutschland, 24.12 2021
Zwei Souveräne
Wie Marx und Engels für das liberale Bürgertum kämpften
Nichts ist so langweilig wie die Zeitung von gestern, heißt es zuweilen. Mag sein. Man kann die Aussage aber auch umkehren: Nichts ist so interessant wie die Zeitung von (vor-)gestern. Der Verlag de Gruyter hat den zweiten von drei Bänden mit Beiträge herausgebracht, die Karl Marx, „Redakteur en chef“, und Friedrich Engels vornehmlich für die in Köln ansässige „Neue Rheinische Zeitung“ während der deutschen Revolution 1848/49 geschrieben haben.
Die Situation war angespannt. Auf der Worringer Heide in der Nähe von Köln hatte die wahrscheinlich größte rheinpreußische Kundgebung der Revolutionszeit stattgefunden. Fast 10 000 Teilnehmer bekannten sich „für die Republik, und zwar für die demokratisch-soziale, für die rothe Republik“, wie es in der NRhZ hieß. Sogar in Paris wurde darüber berichtet. Die Folge war eine Verhaftungswelle. Friedrich Engels und einige andere wurden steckbrieflich gesucht.
Zudem verbreitete sich die Nachricht von einem Truppenaufmarsch. Spontan wurden auf und um den Marktplatz Barrikaden errichtet. Der Festungskommandant rief den Belagerungszustand aus. Die Bürgerwehr wurde entwaffnet. Der Justizminister ordnete Untersuchungen gegen die Zeitung an; sie mussten ihr Erscheinen zeitweilig einstellen.
Entschieden war noch nichts. In Berlin tagte die von den (männlichen) Bürgern gewählte Nationalversammlung, die eine Verfassung ausarbeiten sollte, sich aber nicht festzulegen vermochte, ob sie gemäß dem Prinzip der Volkssouveränität frei handlungsbefugt sei. Im Artikel „Die Berliner Krisis“ umreißt Karl Marx in klaren Sätzen den Konflikt: Einerseits der König auf der Grundlage seiner „angestammten gottesgnadlichen Rechte“. Auf der anderen Seite die „Nationalversammlung auf gar keiner Grundlage, sie soll [sich] erst konstituiren, Grund legen. Zwei Souveräne!“Als Mittelglied die Vereinbarungspolitik des Ministeriums Camphausen gegenüber der Krone. „Sobald die beiden Souveräne sich nicht mehr vereinbaren können oder wollen, verwandlen sie sich in zwei feindliche Souveräne“. Die Revolution stand auf der Kippe.
Das war die Ausgangslage, als die NRhZ Mitte Oktober 1848 wieder erscheinen konnte. Es gelang, das Renommee der Zeitung deutlich zu steigern. Zuletzt hatte sie eine Auflage von 5600 Exemplaren und war ein deutschlandweit gelesenes Blatt. Dazu kamen noch „Zweite Ausgaben“, Beilagen und Extrablätter. Der hier besprochene Band erfasst im Hauptteil 157 und im Anhang fünf Dokumente, darunter 18 Erstveröffentlichungen sowie 40 Texte erstmals in deutscher Sprache. Es sind überwiegend Zeitungsartikel, aber auch die Verteidigungsreden von Marx und Engels vor dem Kölner Geschworenengericht und das Fragment des Reiseberichts „Von Paris nach Bern“, amüsante Beobachtungen und Reflexionen, die einmal mehr Friedrich Engels’ feuilletonistisches Talent bezeugen.
Historisch und ideengeschichtlich überraschend ist hier vor allem, dass Marx in dieser Phase nicht die vorpreschenden Arbeiterakteure unterstützt, sondern – von der Rezeption wenig beachtet – entschieden für das liberale Bürgertum Partei ergreift. Für ihn hat die deutsche Bourgeoisie eine revolutionäre Aufgabe; sie müsse aufgrund „ihrer veränderten Bedürfnisse“ eine „ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechende politische Stellung erzwingen“. In seinem politischen Agieren im Kreisausschuss der rheinpreußischen Demokraten und den Artikeln versuchte er, deren Position zu stärken.
Aber von den sogenannten Märzministerien, die sich ein „liberalbürgerliches Gewand der Contrerevolution umgeworfen“ haben, werden die linken Demokraten von Anfang an enttäuscht. Einer der Hauptangriffspunkte ist die „Vereinbarungstheorie“ des Ministeriums Ludwig Camphausen, derzufolge sich die verfassungsgebende Versammlung mit der Monarchie „vereinbaren“ sollte. Alle folgenden Ministerien (es gab allein 1848 vier verschiedene Regierungen in Preußen) übertrafen sich in ihrer Unterwürfigkeit vor den Altären der feudalen „Kamarilla“ – aus Angst vor einem konsequenten Vollzug der Revolution und den sozialen Forderungen der Kleinbürger wie der Arbeiterschaft. Die zur Machtübernahme prädestinierte „große“ Bourgeoisie habe „keine Hand gerührt“. „Träg, feig“ habe sie „dem Volke erlaubt, sich für sie zu schlagen“, schreibt Marx. Er polemisiert auch in einem weiteren Sinn gegen die deutsche Vereinbarungssucht, die in der Folgezeit dazu führte, dass das Land im europäischen Kontext vergleichsweise konservativ geprägt blieb.
In all diesen sich überlagernden, für viele undurchsichtigen Prozessen bleiben die Autoren streng sachbezogen. „Wir haben wiederholt erklärt, daß wir kein ‚parlamentarisches‘ Blatt sind und uns daher nicht scheuen, von Zeit zu Zeit den Zorn selbst der äußersten Linken von Berlin und Frankfurt auf unser Haupt zu ziehen“, betont Marx in einem Leitartikel. „Wir erwarten alles von den Kollisionen, die aus den ökonomischen Verhältnissen hervorgehen.“ Marx und Engels folgen einer Dialektik des Noch-Nicht und einer Kritik des Immer-Noch. Gerade deswegen sehen sie allein in den auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts zusammengesetzten Nationalversammlungen, trotz deren Wankelmütigkeit, die rechtmäßige Konstituante. Man muss dabei bedenken, dass Marx und Engels westeuropäisch sozialisiert sind. In der kompromisslosen Ermächtigung der Bourgeoisie, wie sie in England und Frankreich vonstattengegangen ist, sehen sie die einzig zeitgemäße Option für eine moderne Entwicklung der deutschen Teilstaaten. Um später auf dieser Basis eine soziale Revolution oder Transformation zu ermöglichen.
Am selben Tag, an dem der Artikel „Die Berliner Krisis“ erscheint, am 9. November 1848, verfügt König Friedrich Wilhelm IV., der „Romantiker auf dem Thron“ (D.F. Strauss), dass die preußische Nationalversammlung vertagt und nach Brandenburg verlegt wird. Unter General Wrangel rücken 15 000 Soldaten in die Hauptstadt ein, Belagerungszustand und Kriegsrecht werden erklär. Weil sich die Parlamentarier weigern, in die Provinz zu ziehen, wird die „Vereinbarerversammlung“ am 5. Dezember aufgelöst und die Monarchie verfügt eine Verfassung nach eigenem Gusto. Ein knallharter Staatsstreich.
Daraufhin bezichtigen die Berliner Abgeordneten das Ministerium des vom König eingesetzten Grafen Brandenburg des Hochverrats gegenüber der gewählten „Regierung der Nationalversammlung“. Sie rufen die Bevölkerung auf, keine Steuern mehr zu zahlen. Marx und Engels veröffentlichte diesen Beschluss, und die rheinischen Demokraten setzten noch eins drauf: Die gewaltsame Eintreibung von Steuern sei „überall durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen“. Das brachte der Zeitung umgehend eine Anklage wegen Hochverrats ein.
Das Gerichtsverfahren fand am 8. Februar 1849 statt. Marx versteht es in seiner Verteidigungsrede, nicht nur die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die gewählte Volksvertretung zu widerlegen, sondern seine gesamte Gesellschaftstheorie des Epochenwechsels darzulegen. Der Kampf zwischen Krone und Volk sei ein „Konflikt zweier Gesellschaften selbst“, der „feudal büreaukratischen mit der „modernen bürgerlichen“. Die Geschworenen sprechen ihn und seine Mitangeklagten frei.
Während der Wahlen zum preußischen Parlament schrieb Marx glanzvolle Leitartikel, worin er die stets wörtlich zitierten Argumente der konstitutionell-monarchistischen Partei ad absurdum führte. Auch hier widerlegen die Dokumente ein bis zum heutigen Tag anhaltendes Missverständnis, nämlich dass er auf Wahlen nichts gegeben habe. Dabei wird Parlamentskritik mit Antiparlamentarismus verwechselt. Und wieder setzt er sich für die liberale („kleine“) Bourgeoisie und den Mittelstand ein. Die meisten Mitglieder des Kölner Arbeitervereins konnte er überzeugen, dass sie die bürgerlich-demokratischen Kandidaten wählen, was zu einer empfindlichen Niederlage der Konzeptionellen führte.
Selbstverständlich hatte die Neue Rheinische Zeitung nicht nur die deutschen Verhältnisse im Blick. Sie berichtete ausgiebig über die Aufstände in Wien, in Ungarn, Engels über die italienische Revolution und die Transformation des Schweizerischen Staatenbundes in einen Bundesstaat. Es finden sich sogar Betrachtungen über die Wirtschaft in Belgien, das Kreditsystem in Frankreich oder über Panslawismus. Die dominante Persönlichkeit in der Redaktion war unzweifelhaft der gerade mal 30-jährige Marx. Seine mit allerlei historischen und literarischen Anspielungen gespickten Artikel sind brillant geschrieben. Es ist auch und gerade heute, da politisch und gesellschaftlich vieles ganz neu ausgehandelt werden muss, höchst anregend, sich darein zu vertiefen.
Süddeutsche Zeitung, 25.1. 2021. Der Artikel, unter der Überschrift „Im Schatten der ‚Kontrerevolution‘“ (oder) „Zwischen Revolution und ‚Kontrerevolution‘“ eingereicht, wurde stark reduziert, um ihn auf eine Spalte zu bringen. Dadurch sind markante Aussagen verlorengegangen, und der Text ist auch ein bisschen „zahnlos“ geworden sind. (Redakteur Jens-Christian Rabe) Beispiel: Statt „Ein knallharter Staatsstreich“ stand im Print zu lesen „Ein Coup“. Ärgerlich.
Über den Sternen
Die Galerie Nierendorf feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit einer repräsentativen Jubiläumsschau
In der Anzahl der Galerien lässt Berlin alle anderen Hotspots der Bildenden Künste Deutschlands hinter sich. Dass allerdings eine von ihnen auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken kann wie die Galerie Nierendorf ist einmalig. Nicht nur für Berlin.
Die Jubiläumsausstellung repräsentiert einen Querschnitt durch die Bestände. Eine Wand zieht sofort den Blick auf sich: „Zwei kauernde Mädchen“ (1924) von Otto Mueller, flankiert von Plastiken des Villa-Roma-Preisträgers Gerhard Marcks: „Kleine Stehende“ und „Cenerentole“. Florian Karsch, der 2015 verstorbene Seniorchef und leidenschaftliche Sammler der Werke von Mueller, konnte auf einer Auktion in München nicht widerstehen und erwarb das teure Bild. Es stammt aus dem Besitz von Elsbeth Mueller, der zweiten Frau des Künstlers der berühmten „Zigeunermappe“, aus der „Zigeunerin mit Kind“ gewählt wurde.
Über Eck eine Reihe Otto Dix aus der frühen und späten Schaffensphase, darunter als Hommage an die Galerie das Aquarell „Josef Nierendorf mit Gelbsucht“ (1923). Ein Highlight ist Josef Scharls Ölbild „Albert Einstein“ (1944), in klaren Linien und kräftigen Farben markant gemalt und deswegen von starkem Ausdruck. Scharl war mit Einstein befeundet, er hat ihn mehrmals porträtiert. Nach dem Krieg war „dieser warmherzige und bedeutende Mensch“ (Einstein in der Grabrede) vergessen. Unter den Nazis hatte er Malverbot; einige seiner Werke hingen bereits in der ersten Ausstellung „Entartete Kunst“ 1933 in Nürnberg. Die Brüder Karl und Josef Nierendorf nach 1964 dann Florian Karsch haben Scharls Werk in insgesamt 15 Ausstellungen lebendig gehalten.
Ernst Barlach ist unter anderem mit der dritten Fassung der Lithographie „Sterndeuter“ vertreten, einem Selbstporträt und zwei Bronzen. Conrad Felixmüllers Zeichnung „Bildnis Hannah Höch“: eine Rarität, weil aus dem Jahr 1917, als die Dada-Künstlerin noch unbekannt war. Georg Grosz fasziniert mit einem Blatt aus „Ecce Homo“ (1919/20) und seinen scharfsinnigen, heiter-ironischen Federzeichnungen.
Unsichtbar, doch in den Bildern mitschwingend, die existenzielle Geschichte der Galerie. 1920 in Köln gegründet, hat sie von den gefragten Adressen der künstlerischen Avantgarde in der Weimarer Republik – Alfred Flechtheim, Herwarth Walden, Paul Cassirer – als einzige die finsteren Zeitläufte überlebt. Inmitten der Inflationsjahre „Neue Kunst“ anzubieten, war ein kommerzielles Wagnis, das der 1889 in Remagen am Rhein geborene Karl Nierendorf und sein jüngerer Bruder Josef einging. Neben Emil Nolde und Paul Klee konnten bald auch die Künstler der „Brücke“ ihre Werke zeigen. Eine besonders enge Verbindung der Galerie ergab sich zu Otto Dix, die bis zu dessen Tod anhielt.
1923 übersiedelte Karl Nierendorf nach Berlin, übernahm das angesehene „Graphische Kabinett“ von J.B. Neumann, stellte am Kurfürstendamm und am Lützowplatz aus. Der Bruder Josef führte Köln weiter. Es gab Dependancen in Düsseldorf, später in Los Angeles und vor allem die Galerie in New York. Fast alle von den Nierendorfs vertretenen Künstler wurden unter dem Nationalsozialismus verboten und drangsaliert. Es zeugt von außerordentlichem Mut, dass die Galerie noch 1935 Werke von Otto Dix zeigte und ein Jahr später Franz Marc mit einer Gedächtnisausstellung ehrte. Aber in Berlin war die Galerie unter den politischen Repressionen nicht mehr zu halten, sie musste 1939 geschlossen werden. Einen Großteil der Gemälde hat die SS vernichtet.
Karl Nierendorf warb nach seiner Emigration in den USA für moderne deutsche Kunstrichtungen. Die Ausstellung „Forbidden Art in the Third Reich“ war sensationell; sie wurde erst in der Galerie und dann im Institut of Modern Art gezeigt. 1947 starb Karl mit 58 Jahren. Da er kein Testament hinterließ, ging wegen des noch herrschenden Kriegsrechts der überwiegende Teil des in Amerika verbliebenen Nachlasses in die Bestände des Guggenheim-Museums ein. Die Galerie war zeitweise Alleinvertreter von Otto Dix, für die Werke Paul Klees und Karl Hofers in Amerika, für Ernst Barlach. Neben den Genannten gehörten Wassili Kandinsky, Lyonell Feininger, Franz Marc, Conrad Felixmüller zu den ständig offerierten, mitunter befreundeten Künstlern, später auch Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Hanna Höch und viele andere.
1955 die Wiedergeburt unter Beibehaltung der Tradition. Meta Nierendorf, Ehefrau des ebenfalls verstorbenen Bruders Josef, und Florian Karsch, ihr Sohn aus erster Ehe mit dem Bildhauer Joachim Karsch, eröffnen in Berlin-Tempelhof, Manfred-von-Richthofen-Straße 14, in einem Buch- und Kunsthandwerkgeschäft wieder die Galerie. 1963 erfolgte der Umzug in die Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo.
In der aktuellen Ausstellung markieren viele Werke diesen schwierigen Weg. Nicht zu übersehen, dass auch Künstler jüngerer Jahrgänge in das Programm aufgenommen wurden, etwa Manfred Butzmann, Kurt Mühlenhaupt oder Franz Xaver Fuhr. Man möchte gar nicht aufhören, die vielen Augenweiden zu benennen und zu beschreiben. Die Ausstellung begleitet ein großartiger Katalog, von Susanne Trierenberg konzipiert, mit Texten über die prägenden Künstler und zahlreichen dokumentarischen Fotos versehen. Bilder lesen, Lesend sehen – eine verdiente Würdigung.
Der Tagesspiegel, 19.9. 2020
Zwischen Predigt und Tat
Friedrich Schleiermachers Briefwechsel reflektiert den antinapoleonischen Befreiungskrieg und die Restauration
Kommt einem heutzutage der Name Friedrich Schleiermacher in den Sinn, fällt die Klappe wie ein alter Sargdeckel: der Theologe, der Religion auf das Gefühl der Abhängigkeit von Gott zurückgeführt hat, ein Bahnbrecher des modernen Protestantismus. Aber das Schaffen und Wirken des Feldpredigersohns war so vielseitig, dass es mannigfaltige Deutungen zulässt. Er war nicht nur Seelsorger an der berühmten Berliner Dreifaltigkeitskirche, er war auch Philosoph, romantischer Ästhet, Platon-Übersetzer, Bildungsreformer und nicht zuletzt Praktiker des realen, auch politischen Lebens.
Diese Weitfächrigkeit ist wohl einer der Gründe, weshalb es immer noch keine gültige Biografie gibt. Erst anderthalb Jahrhunderte nach Wilhelm Diltey (1870) hat ein Kirchenhistoriker, Kurt Nowak, den höchst verdienstvollen Versuch gewagt, aus aktueller Sicht den „riesigen Stoff“ zu erfassen („Schleiermacher“, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2001). „Schleiermacher steht für eine Vielzahl von Wirkungsgeschichten“, schreibt Nowak. Andererseits sind in der großen Kritischen Gesamtausgabe noch nicht alle Schriften, Predigten, Vorlesungen veröffentlicht. Auch noch nicht alle Briefe. Jetzt liegt im Rahmen des Akademievorhabens „Schleiermacher in Berlin“ der vierte Briefband vor: 1813 bis 1816.
Eine hoch brisante Zeit. Die Heere Preußens, die nach langem Schwanken Kaiser Wilhelms III. mit Russland eine Allianz eingegangen waren, und Napoleons Grand Armée standen zu Beginn des Jahres 1813 im Patt. Der mit großen Hoffnungen auf die Etablierung einer fortschrittlichen liberalen Ordnung verbundene Befreiungskrieg stockte. Ein Waffenstillstand wurde vereinbart. In diese Monate fallen und aus dieser Situation erklären sich die ersten Briefe des Bandes.
Die Frustration über die Einigung mit Napoleon war allgemein. „Kommt ein Friede zu Stande … bleibt mir nichts übrig, als auf unbestimmte Zeit Deutschland Lebewohl zu sagen“, schreibt der befreundete Schriftsteller August Wilhelm Schlegel (Bruder Friedrich Schlegels). Dass Schleiermacher gegen den Waffenstillstand ist, überrascht nicht, hatte er sich doch schon 1808/09 in konspirativer Mission für die Reformpartei um Gneisenau und Scharnhorst eingesetzt, die einen Aufstand vorbereiten sollte. Jetzt feiert er von der Kanzel den Seitenwechsel des Generals Yorck von Wartenburg, predigt für die „Rückkehr zur Wahrheit“, wirbt in Berlin junge Leute für die Landwehr und soll, wie kolportiert wird, selbst fleißig exerziert haben.
Die patriotischen Kräfte befürchteten, dass der Scheinfriede zum Dauerzustand wird. Was dem Feudaladel durchaus recht gewesen wäre, denn die Angst vor der umfassenden Bewaffnung der Bürger, die in eine Revolution münden könnte – der Umsturz in Paris lag nur fünfzehn Jahre zurück –, veranlasste die monarchistische Kamarilla, jegliche Selbstermächtigung zu unterdrücken. Umso größer ist Schleiermachers Wut gegen die „Hofparthei“. Er hofft auf den König, auf dessen Einsicht, dass er ein gemeinschaftliches Band zwischen „Obrigkeit“ und „Untertanen“ knüpfe – „immer das Volk mit dem König, und der König mit dem Volk ...“
Dass Schleiermacher der Französischen Revolution insgesamt positiv gegenüberstand, hat erst die neuere Forschung zur Kenntnis genommen. Er focht für einen gewaltlosen Fortschritt. Sollte es jedoch der Obrigkeit an Vernunft fehlen, hielt Schleiermacher eine Revolution für gerechtfertigt.
Als verantwortlicher Redakteur des „Preußischen Correspondenten“ – eine Phase in seinem Leben, die bisher zu wenig reflektiert worden ist – bekam er schnell Ärger mit der Zensur. Dem „trügerischen Stillstand der öffentlichen Meynung“ (Schlegel) versucht er durch betont patriotische Berichte entgegenzuwirken und befand, dass man den befürchteten Friedensschluss „nicht als den wahren Anfang einer neuen Ordnung der Dinge ansehen könn(t)e“. Daraufhin wurde ihm unterstellt, zum Sturz der Monarchie aufgerufen zu haben. Sogar der König schaltete sich ein und mahnt „eine Tendenz … die ich durchaus nicht gestatten kann“. Friedrich Schleiermacher wurde des Hochverrats bezichtigt und sollte Berlin innerhalb von 24 Stunden Richtung Schwedisch-Pommern verlassen. Staatskanzler Karl August von Hardenberg, damals selbst zwischen Baum und Borke, mildert das Urteil in einen strengen Verweis, drohte aber, ein Wiederholungsfall würde „mit unfehlbarem Verlust seiner Dienststelle geahndet“.
Aber Schleiermacher widersteht. Er könne, erklärte er, seinen Autoren nicht vorschreiben, wie sie sich zu äußern haben, woraufhin ihm wieder Hardenberg die Levitten las (vier Jahre später verlangt er ein Vorlesungsverbot). Die Affäre, die sich in den Briefen wie ein Shitstorm spiegelt – und es folgen neue Beschuldigungen, er wurde bespitzel und verhört – hat Schleiermacher arg zugesetzt. Er sei in einem Jahr wenigstens zehn Jahre älter geworden, schrieb er an Georg Andres Reimer, den Verleger des „Preußischen Correspondenten“.
Nach dem Sieg über Napoleon begann die Zeit der Restauration der alten Verhältnisse. Schleiermacher ist untröstlich enttäuscht, fühlt sich leer und erschöpft. Wo blieben die Prinzipien der preußischen Reformer, wo die „Revolution im guten Sinne“? In einem langen Brief an den Grafen Alexander von Dohna schüttet er sein Herz aus. Er komme sich vor „als unter den meisten Menschen nicht passend mit meinen Ansichten. Ich vermisse überall das recht klare Hineinschauen in den Geist und die Forderungen der Zeit, das geschichtlich schöpferische Talent“. Er sehne sich danach, „noch einiges ausarbeiten zu können“ und vertieft sich in die großartig intendierte Ableitung der „Ethik“ aus der Dialektik.
Zur Ruhe kommt er in der von Staats wegen erzwungenen Apathie nicht. Schleiermacher ist Dekan der Theologischen Fakultät, 1815/16 Rektor der kurz zuvor gegründeten Berliner Universität, zeitweise Mitglied des Departements für Unterricht, Sekretär der Philosophischen Klasse der Akademie. Nach dem Pariser Frieden (1814) kann die Kirchenreform wieder in Angriff genommen werden. Er setzt sich leidenschaftlich für eine Synodalverfassung ein. Jedoch waren dem König die Eigenständigkeit und das Wahlrecht der Laien viel zu republikanisch, sodass er das zuständige Gremium in eine lediglich „Liturgische Kommission“ umwandelte. Gegenüber dem Theologen Joachim Christian Gaß klagt Schleiermacher, dass jeder der selbstgefälligen Herren „mit eigenen parasitischen Wurzeln am Thron und Hof festhängt“.
Überschauen wir das überaus konsequente Streben des „geistigen Haupts der Kirche seiner Zeit“ (Dilthey) für eine politisch-gesellschaftliche Erneuerung Preußens, so erweist sich Schleiermacher als der erste treibende Geist, der die bewusstseinszentrierte Spätaufklärung aus der Taufe hob, vorerst noch an den Gewissheiten heiliger Autorität orientiert.
Süddeutsche Zeitung, 21.8. 2020