Inhaltsverzeichnis

Zwei Souveräne

Über den Sternen

Zwischen Predigt und Tat

Eingefroren im Eis

 

 


Zwei Souveräne

Wie Marx und Engels für das liberale Bürgertum kämpften

 

Nichts ist so langweilig wie die Zeitung von gestern, heißt es zuweilen. Mag sein. Man kann die Aussage aber auch umkehren: Nichts ist so interessant wie die Zeitung von (vor-)gestern. Der Verlag de Gruyter hat den zweiten von drei Bänden mit Beiträge herausgebracht, die Karl Marx, „Redakteur en chef“, und Friedrich Engels vornehmlich für die in Köln ansässige „Neue Rheinische Zeitung“ während der deutschen Revolution 1848/49 geschrieben haben.

Die Situation war angespannt. Auf der Worringer Heide in der Nähe von Köln hatte die wahrscheinlich größte rheinpreußische Kundgebung der Revolutionszeit stattgefunden. Fast 10 000 Teilnehmer bekannten sich „für die Republik, und zwar für die demokratisch-soziale, für die rothe Republik“, wie es in der NRhZ hieß. Sogar in Paris wurde darüber berichtet. Die Folge war eine Verhaftungswelle. Friedrich Engels und einige andere wurden steckbrieflich gesucht.

Zudem verbreitete sich die Nachricht von einem Truppenaufmarsch. Spontan wurden auf und um den Marktplatz Barrikaden errichtet. Der Festungskommandant rief den Belagerungszustand aus. Die Bürgerwehr wurde entwaffnet. Der Justizminister ordnete Untersuchungen gegen die Zeitung an; sie mussten ihr Erscheinen zeitweilig einstellen.

Entschieden war noch nichts. In Berlin tagte die von den (männlichen) Bürgern gewählte Nationalversammlung, die eine Verfassung ausarbeiten sollte, sich aber nicht festzulegen vermochte, ob sie gemäß dem Prinzip der Volkssouveränität frei handlungsbefugt sei. Im Artikel „Die Berliner Krisis“ umreißt Karl Marx in klaren Sätzen den Konflikt: Einerseits der König auf der Grundlage seiner „angestammten gottesgnadlichen Rechte“. Auf der anderen Seite die „Nationalversammlung auf gar keiner Grundlage, sie soll [sich] erst konstituiren, Grund legen. Zwei Souveräne!“Als Mittelglied die Vereinbarungspolitik des Ministeriums Camphausen gegenüber der Krone. „Sobald die beiden Souveräne sich nicht mehr vereinbaren können oder wollen, verwandlen sie sich in zwei feindliche Souveräne“. Die Revolution stand auf der Kippe.

Das war die Ausgangslage, als die NRhZ Mitte Oktober 1848 wieder erscheinen konnte. Es gelang, das Renommee der Zeitung deutlich zu steigern. Zuletzt hatte sie eine Auflage von 5600 Exemplaren und war ein deutschlandweit gelesenes Blatt. Dazu kamen noch „Zweite Ausgaben“, Beilagen und Extrablätter. Der hier besprochene Band erfasst im Hauptteil 157 und im Anhang fünf Dokumente, darunter 18 Erstveröffentlichungen sowie 40 Texte erstmals in deutscher Sprache. Es sind überwiegend Zeitungsartikel, aber auch die Verteidigungsreden von Marx und Engels vor dem Kölner Geschworenengericht und das Fragment des Reiseberichts „Von Paris nach Bern“, amüsante Beobachtungen und Reflexionen, die einmal mehr Friedrich Engels’ feuilletonistisches Talent bezeugen.

Historisch und ideengeschichtlich überraschend ist hier vor allem, dass Marx in dieser Phase nicht die vorpreschenden Arbeiterakteure unterstützt, sondern – von der Rezeption wenig beachtet – entschieden für das liberale Bürgertum Partei ergreift. Für ihn hat die deutsche Bourgeoisie eine revolutionäre Aufgabe; sie müsse aufgrund „ihrer veränderten Bedürfnisse“ eine „ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechende politische Stellung erzwingen“. In seinem politischen Agieren im Kreisausschuss der rheinpreußischen Demokraten und den Artikeln versuchte er, deren Position zu stärken.

Aber von den sogenannten Märzministerien, die sich ein „liberalbürgerliches Gewand der Contrerevolution umgeworfen“ haben, werden die linken Demokraten von Anfang an enttäuscht. Einer der Hauptangriffspunkte ist die „Vereinbarungstheorie“ des Ministeriums Ludwig Camphausen, derzufolge sich die verfassungsgebende Versammlung mit der Monarchie „vereinbaren“ sollte. Alle folgenden Ministerien (es gab allein 1848 vier verschiedene Regierungen in Preußen) übertrafen sich in ihrer Unterwürfigkeit vor den Altären der feudalen „Kamarilla“ – aus Angst vor einem konsequenten Vollzug der Revolution und den sozialen Forderungen der Kleinbürger wie der Arbeiterschaft. Die zur Machtübernahme prädestinierte „große“ Bourgeoisie habe „keine Hand gerührt“. „Träg, feig“ habe sie „dem Volke erlaubt, sich für sie zu schlagen“, schreibt Marx. Er polemisiert auch in einem weiteren Sinn gegen die deutsche Vereinbarungssucht, die in der Folgezeit dazu führte, dass das Land im europäischen Kontext vergleichsweise konservativ geprägt blieb.

In all diesen sich überlagernden, für viele undurchsichtigen Prozessen bleiben die Autoren streng sachbezogen. „Wir haben wiederholt erklärt, daß wir kein ‚parlamentarisches‘ Blatt sind und uns daher nicht scheuen, von Zeit zu Zeit den Zorn selbst der äußersten Linken von Berlin und Frankfurt auf unser Haupt zu ziehen“, betont Marx in einem Leitartikel. „Wir erwarten alles von den Kollisionen, die aus den ökonomischen Verhältnissen hervorgehen.“ Marx und Engels folgen einer Dialektik des Noch-Nicht und einer Kritik des Immer-Noch. Gerade deswegen sehen sie allein in den auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts zusammengesetzten Nationalversammlungen, trotz deren Wankelmütigkeit, die rechtmäßige Konstituante. Man muss dabei bedenken, dass Marx und Engels westeuropäisch sozialisiert sind. In der kompromisslosen Ermächtigung der Bourgeoisie, wie sie in England und Frankreich vonstattengegangen ist, sehen sie die einzig zeitgemäße Option für eine moderne Entwicklung der deutschen Teilstaaten. Um später auf dieser Basis eine soziale Revolution oder Transformation zu ermöglichen.

Am selben Tag, an dem der Artikel „Die Berliner Krisis“ erscheint, am 9. November 1848, verfügt König Friedrich Wilhelm IV., der „Romantiker auf dem Thron“ (D.F. Strauss), dass die preußische Nationalversammlung vertagt und nach Brandenburg verlegt wird. Unter General Wrangel rücken 15 000 Soldaten in die Hauptstadt ein, Belagerungszustand und Kriegsrecht werden erklär. Weil sich die Parlamentarier weigern, in die Provinz zu ziehen, wird die „Vereinbarerversammlung“ am 5. Dezember aufgelöst und die Monarchie verfügt eine Verfassung nach eigenem Gusto. Ein knallharter Staatsstreich.

Daraufhin bezichtigen die Berliner Abgeordneten das Ministerium des vom König eingesetzten Grafen Brandenburg des Hochverrats gegenüber der gewählten „Regierung der Nationalversammlung“. Sie rufen die Bevölkerung auf, keine Steuern mehr zu zahlen. Marx und Engels veröffentlichte diesen Beschluss, und die rheinischen Demokraten setzten noch eins drauf: Die gewaltsame Eintreibung von Steuern sei „überall durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen“. Das brachte der Zeitung umgehend eine Anklage wegen Hochverrats ein.

Das Gerichtsverfahren fand am 8. Februar 1849 statt. Marx versteht es in seiner Verteidigungsrede, nicht nur die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die gewählte Volksvertretung zu widerlegen, sondern seine gesamte Gesellschaftstheorie des Epochenwechsels darzulegen. Der Kampf zwischen Krone und Volk sei ein „Konflikt zweier Gesellschaften selbst“, der „feudal büreaukratischen mit der modernen bürgerlichen“. Die Geschworenen sprechen ihn und seine Mitangeklagten frei.

Während der Wahlen zum preußischen Parlament schrieb Marx glanzvolle Leitartikel, worin er die stets wörtlich zitierten Argumente der konstitutionell-monarchistischen Partei ad absurdum führte. Auch hier widerlegen die Dokumente ein bis zum heutigen Tag anhaltendes Missverständnis, nämlich dass er auf Wahlen nichts gegeben habe. Dabei wird Parlamentskritik mit Antiparlamentarismus verwechselt. Und wieder setzt er sich für die liberale („kleine“) Bourgeoisie und den Mittelstand ein. Die meisten Mitglieder des Kölner Arbeitervereins konnte er überzeugen, dass sie die bürgerlich-demokratischen Kandidaten wählen, was zu einer empfindlichen Niederlage der Konzeptionellen führte.

Selbstverständlich hatte die Neue Rheinische Zeitung nicht nur die deutschen Verhältnisse im Blick. Sie berichtete ausgiebig über die Aufstände in Wien, in Ungarn, Engels über die italienische Revolution und die Transformation des Schweizerischen Staatenbundes in einen Bundesstaat. Es finden sich sogar Betrachtungen über die Wirtschaft in Belgien, das Kreditsystem in Frankreich oder über Panslawismus. Die dominante Persönlichkeit in der Redaktion war unzweifelhaft der gerade mal 30-jährige Marx. Seine mit allerlei historischen und literarischen Anspielungen gespickten Artikel sind brillant geschrieben. Es ist auch und gerade heute, da politisch und gesellschaftlich vieles ganz neu ausgehandelt werden muss, höchst anregend, sich darein zu vertiefen.

Süddeutsche Zeitung, 25.1. 2021. Der Artikel, unter der Überschrift „Im Schatten der ‚Kontrerevolution‘“ (oder) „Zwischen Revolution und ‚Kontrerevolution‘“ eingereicht, wurde stark reduziert, um ihn auf eine Spalte zu bringen. Dadurch sind markante Aussagen verlorengegangen, und der Text ist auch ein bisschen „zahnlos“ geworden sind. (Redakteur Jens-Christian Rabe) Beispiel: Statt „Ein knallharter Staatsstreich“ stand im Print zu lesen „Ein Coup“. Ärgerlich.

 

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Über den Sternen

Die Galerie Nierendorf feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit einer repräsentativen Jubiläumsschau

 

In der Anzahl der Galerien lässt Berlin alle anderen Hotspots der Bildenden Künste Deutschlands hinter sich. Dass allerdings eine von ihnen auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken kann wie die Galerie Nierendorf ist einmalig. Nicht nur für Berlin.

Die Jubiläumsausstellung repräsentiert einen Querschnitt durch die Bestände. Eine Wand zieht sofort den Blick auf sich: „Zwei kauernde Mädchen“ (1924) von Otto Mueller, flankiert von Plastiken des Villa-Roma-Preisträgers Gerhard Marcks: „Kleine Stehende“ und „Cenerentole“. Florian Karsch, der 2015 verstorbene Seniorchef und leidenschaftliche Sammler der Werke von Mueller, konnte auf einer Auktion in München nicht widerstehen und erwarb das teure Bild. Es stammt aus dem Besitz von Elsbeth Mueller, der zweiten Frau des Künstlers der berühmten „Zigeunermappe“, aus der „Zigeunerin mit Kind“ gewählt wurde.

Über Eck eine Reihe Otto Dix aus der frühen und späten Schaffensphase, darunter als Hommage an die Galerie das Aquarell „Josef Nierendorf mit Gelbsucht“ (1923). Ein Highlight ist Josef Scharls Ölbild „Albert Einstein“ (1944), in klaren Linien und kräftigen Farben markant gemalt und deswegen von starkem Ausdruck. Scharl war mit Einstein befeundet, er hat ihn mehrmals porträtiert. Nach dem Krieg war „dieser warmherzige und bedeutende Mensch“ (Einstein in der Grabrede) vergessen. Unter den Nazis hatte er Malverbot; einige seiner Werke hingen bereits in der ersten Ausstellung „Entartete Kunst“ 1933 in Nürnberg. Die Brüder Karl und Josef Nierendorf nach 1964 dann Florian Karsch haben Scharls Werk in insgesamt 15 Ausstellungen lebendig gehalten.

Ernst Barlach ist unter anderem mit der dritten Fassung der Lithographie „Sterndeuter“ vertreten, einem Selbstporträt und zwei Bronzen. Conrad Felixmüllers Zeichnung „Bildnis Hannah Höch“: eine Rarität, weil aus dem Jahr 1917, als die Dada-Künstlerin noch unbekannt war. Georg Grosz fasziniert mit einem Blatt aus „Ecce Homo“ (1919/20) und seinen scharfsinnigen, heiter-ironischen Federzeichnungen.

Unsichtbar, doch in den Bildern mitschwingend, die existenzielle Geschichte der Galerie. 1920 in Köln gegründet, hat sie von den gefragten Adressen der künstlerischen Avantgarde in der Weimarer Republik – Alfred Flechtheim, Herwarth Walden, Paul Cassirer – als einzige die finsteren Zeitläufte überlebt. Inmitten der Inflationsjahre „Neue Kunst“ anzubieten, war ein kommerzielles Wagnis, das der 1889 in Remagen am Rhein geborene Karl Nierendorf und sein jüngerer Bruder Josef einging. Neben Emil Nolde und Paul Klee konnten bald auch die Künstler der „Brücke“ ihre Werke zeigen. Eine besonders enge Verbindung der Galerie ergab sich zu Otto Dix, die bis zu dessen Tod anhielt.

1923 übersiedelte Karl Nierendorf nach Berlin, übernahm das angesehene „Graphische Kabinett“ von J.B. Neumann, stellte am Kurfürstendamm und am Lützowplatz aus. Der Bruder Josef führte Köln weiter. Es gab Dependancen in Düsseldorf, später in Los Angeles und vor allem die Galerie in New York. Fast alle von den Nierendorfs vertretenen Künstler wurden unter dem Nationalsozialismus verboten und drangsaliert. Es zeugt von außerordentlichem Mut, dass die Galerie noch 1935 Werke von Otto Dix zeigte und ein Jahr später Franz Marc mit einer Gedächtnisausstellung ehrte. Aber in Berlin war die Galerie unter den politischen Repressionen nicht mehr zu halten, sie musste 1939 geschlossen werden. Einen Großteil der Gemälde hat die SS vernichtet.

Karl Nierendorf warb nach seiner Emigration in den USA für moderne deutsche Kunstrichtungen. Die Ausstellung „Forbidden Art in the Third Reich“ war sensationell; sie wurde erst in der Galerie und dann im Institut of Modern Art gezeigt. 1947 starb Karl mit 58 Jahren. Da er kein Testament hinterließ, ging wegen des noch herrschenden Kriegsrechts der überwiegende Teil des in Amerika verbliebenen Nachlasses in die Bestände des Guggenheim-Museums ein. Die Galerie war zeitweise Alleinvertreter von Otto Dix, für die Werke Paul Klees und Karl Hofers in Amerika, für Ernst Barlach. Neben den Genannten gehörten Wassili Kandinsky, Lyonell Feininger, Franz Marc, Conrad Felixmüller zu den ständig offerierten, mitunter befreundeten Künstlern, später auch Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Hanna Höch und viele andere.

1955 die Wiedergeburt unter Beibehaltung der Tradition. Meta Nierendorf, Ehefrau des ebenfalls verstorbenen Bruders Josef, und Florian Karsch, ihr Sohn aus erster Ehe mit dem Bildhauer Joachim Karsch, eröffnen in Berlin-Tempelhof, Manfred-von-Richthofen-Straße 14, in einem Buch- und Kunsthandwerkgeschäft wieder die Galerie. 1963 erfolgte der Umzug in die Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo.

In der aktuellen Ausstellung markieren viele Werke diesen schwierigen Weg. Nicht zu übersehen, dass auch Künstler jüngerer Jahrgänge in das Programm aufgenommen wurden, etwa Manfred Butzmann, Kurt Mühlenhaupt oder Franz Xaver Fuhr. Man möchte gar nicht aufhören, die vielen Augenweiden zu benennen und zu beschreiben. Die Ausstellung begleitet ein großartiger Katalog, von Susanne Trierenberg konzipiert, mit Texten über die prägenden Künstler und zahlreichen dokumentarischen Fotos versehen. Bilder lesen, Lesend sehen – eine verdiente Würdigung.

Der Tagesspiegel, 19.9. 2020

 

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Zwischen Predigt und Tat

Friedrich Schleiermachers Briefwechsel reflektiert den antinapoleonischen Befreiungskrieg und die Restauration

Kommt einem heutzutage der Name Friedrich Schleiermacher in den Sinn, fällt die Klappe wie ein alter Sargdeckel: der Theologe, der Religion auf das Gefühl der Abhängigkeit von Gott zurückgeführt hat, ein Bahnbrecher des modernen Protestantismus. Aber das Schaffen und Wirken des Feldpredigersohns war so vielseitig, dass es mannigfaltige Deutungen zulässt. Er war nicht nur Seelsorger an der berühmten Berliner Dreifaltigkeitskirche, er war auch Philosoph, romantischer Ästhet, Platon-Übersetzer, Bildungsreformer und nicht zuletzt Praktiker des realen, auch politischen Lebens.

Diese Weitfächrigkeit ist wohl einer der Gründe, weshalb es immer noch keine gültige Biografie gibt. Erst anderthalb Jahrhunderte nach Wilhelm Diltey (1870) hat ein Kirchenhistoriker, Kurt Nowak, den höchst verdienstvollen Versuch gewagt, aus aktueller Sicht den „riesigen Stoff“ zu erfassen („Schleiermacher“, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2001). „Schleiermacher steht für eine Vielzahl von Wirkungsgeschichten“, schreibt Nowak. Andererseits sind in der großen Kritischen Gesamtausgabe noch nicht alle Schriften, Predigten, Vorlesungen veröffentlicht. Auch noch nicht alle Briefe. Jetzt liegt im Rahmen des Akademievorhabens „Schleiermacher in Berlin“ der vierte Briefband vor: 1813 bis 1816.

Eine hoch brisante Zeit. Die Heere Preußens, die nach langem Schwanken Kaiser Wilhelms III. mit Russland eine Allianz eingegangen waren, und Napoleons Grand Armée standen zu Beginn des Jahres 1813 im Patt. Der mit großen Hoffnungen auf die Etablierung einer fortschrittlichen liberalen Ordnung verbundene Befreiungskrieg stockte. Ein Waffenstillstand wurde vereinbart. In diese Monate fallen und aus dieser Situation erklären sich die ersten Briefe des Bandes.

Die Frustration über die Einigung mit Napoleon war allgemein. „Kommt ein Friede zu Stande … bleibt mir nichts übrig, als auf unbestimmte Zeit Deutschland Lebewohl zu sagen“, schreibt der befreundete Schriftsteller August Wilhelm Schlegel (Bruder Friedrich Schlegels). Dass Schleiermacher gegen den Waffenstillstand ist, überrascht nicht, hatte er sich doch schon 1808/09 in konspirativer Mission für die Reformpartei um Gneisenau und Scharnhorst eingesetzt, die einen Aufstand vorbereiten sollte. Jetzt feiert er von der Kanzel den Seitenwechsel des Generals Yorck von Wartenburg, predigt für die „Rückkehr zur Wahrheit“, wirbt in Berlin junge Leute für die Landwehr und soll, wie kolportiert wird, selbst fleißig exerziert haben.

Die patriotischen Kräfte befürchteten, dass der Scheinfriede zum Dauerzustand wird. Was dem Feudaladel durchaus recht gewesen wäre, denn die Angst vor der umfassenden Bewaffnung der Bürger, die in eine Revolution münden könnte – der Umsturz in Paris lag nur fünfzehn Jahre zurück –, veranlasste die monarchistische Kamarilla, jegliche Selbstermächtigung zu unterdrücken. Umso größer ist Schleiermachers Wut gegen die „Hofparthei“. Er hofft auf den König, auf dessen Einsicht, dass er ein gemeinschaftliches Band zwischen „Obrigkeit“ und „Untertanen“ knüpfe – „immer das Volk mit dem König, und der König mit dem Volk ...“

Dass Schleiermacher der Französischen Revolution insgesamt positiv gegenüberstand, hat erst die neuere Forschung zur Kenntnis genommen. Er focht für einen gewaltlosen Fortschritt. Sollte es jedoch der Obrigkeit an Vernunft fehlen, hielt Schleiermacher eine Revolution für gerechtfertigt.

Als verantwortlicher Redakteur des „Preußischen Correspondenten“ – eine Phase in seinem Leben, die bisher zu wenig reflektiert worden ist – bekam er schnell Ärger mit der Zensur. Dem „trügerischen Stillstand der öffentlichen Meynung“ (Schlegel) versucht er durch betont patriotische Berichte entgegenzuwirken und befand, dass man den befürchteten Friedensschluss „nicht als den wahren Anfang einer neuen Ordnung der Dinge ansehen könn(t)e“. Daraufhin wurde ihm unterstellt, zum Sturz der Monarchie aufgerufen zu haben. Sogar der König schaltete sich ein und mahnt „eine Tendenz … die ich durchaus nicht gestatten kann“. Friedrich Schleiermacher wurde des Hochverrats bezichtigt und sollte Berlin innerhalb von 24 Stunden Richtung Schwedisch-Pommern verlassen. Staatskanzler Karl August von Hardenberg, damals selbst zwischen Baum und Borke, mildert das Urteil in einen strengen Verweis, drohte aber, ein Wiederholungsfall würde „mit unfehlbarem Verlust seiner Dienststelle geahndet“.

Aber Schleiermacher widersteht. Er könne, erklärte er, seinen Autoren nicht vorschreiben, wie sie sich zu äußern haben, woraufhin ihm wieder Hardenberg die Levitten las (vier Jahre später verlangt er ein Vorlesungsverbot). Die Affäre, die sich in den Briefen wie ein Shitstorm spiegelt – und es folgen neue Beschuldigungen, er wurde bespitzel und verhört – hat Schleiermacher arg zugesetzt. Er sei in einem Jahr wenigstens zehn Jahre älter geworden, schrieb er an Georg Andres Reimer, den Verleger des „Preußischen Correspondenten“.

Nach dem Sieg über Napoleon begann die Zeit der Restauration der alten Verhältnisse. Schleiermacher ist untröstlich enttäuscht, fühlt sich leer und erschöpft. Wo blieben die Prinzipien der preußischen Reformer, wo die „Revolution im guten Sinne“? In einem langen Brief an den Grafen Alexander von Dohna schüttet er sein Herz aus. Er komme sich vor „als unter den meisten Menschen nicht passend mit meinen Ansichten. Ich vermisse überall das recht klare Hineinschauen in den Geist und die Forderungen der Zeit, das geschichtlich schöpferische Talent“. Er sehne sich danach, „noch einiges ausarbeiten zu können“ und vertieft sich in die großartig intendierte Ableitung der „Ethik“ aus der Dialektik.

Zur Ruhe kommt er in der von Staats wegen erzwungenen Apathie nicht. Schleiermacher ist Dekan der Theologischen Fakultät, 1815/16 Rektor der kurz zuvor gegründeten Berliner Universität, zeitweise Mitglied des Departements für Unterricht, Sekretär der Philosophischen Klasse der Akademie. Nach dem Pariser Frieden (1814) kann die Kirchenreform wieder in Angriff genommen werden. Er setzt sich leidenschaftlich für eine Synodalverfassung ein. Jedoch waren dem König die Eigenständigkeit und das Wahlrecht der Laien viel zu republikanisch, sodass er das zuständige Gremium in eine lediglich „Liturgische Kommission“ umwandelte. Gegenüber dem Theologen Joachim Christian Gaß klagt Schleiermacher, dass jeder der selbstgefälligen Herren „mit eigenen parasitischen Wurzeln am Thron und Hof festhängt“.

Überschauen wir das überaus konsequente Streben des „geistigen Haupts der Kirche seiner Zeit“ (Dilthey) für eine politisch-gesellschaftliche Erneuerung Preußens, so erweist sich Schleiermacher als der erste treibende Geist, der die bewusstseinszentrierte Spätaufklärung aus der Taufe hob, vorerst noch an den Gewissheiten heiliger Autorität orientiert.

Süddeutsche Zeitung, 21.8. 2020

 

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Das Forschungsschiff „Polarstern“ driftet von Westsibirien am Nordpol vorüber bis nach Grönland

Eingefroren im Eis

 

Es ist eine Expedition der Superlative. Tausende begeisterte Fans lesen im Internet die Wochenberichte und die Blogs, kommentieren sie, stellen Fragen. Noch nie hat ein moderner Eisbrecher mit einem weitläufigen Forschungscampus ringsum den gesamten Winter im nördlichen Eismeer zugebracht. In der ostsibirischen Laptewsee eingefroren, driftet das schwimmende Observatorium Polarstern am Nordpol vorbei bis zur grönländischen Küste. Etwa 600 Wissenschaftler und Techniker aus 20 Ländern sind beteiligt. Eine internationale Flotte von vier Eisbrechern versorgt die sich abwechselnden Teams. Es ist nicht übertrieben, wenn das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Bremerhaven), die Schaltzentrale des aufwendigen Unternehmens, von der „größten Arktisexpedition aller Zeiten“ spricht.

Am 20. September 2019 verlässt das deutsche Forschungsschiff den norwegischen Hafen Tromsø. Es ist 20 Uhr 30, der Himmel bedeckt, die Stimmung an Bord elektrisiert, voller Erwartungen. Die erste Crew wird von Markus Rex geleitet, einem Potsdamer Atmosphärenphysiker, der Anfang der 1990er Jahre die internationale Match-Kampagne (match, engl. Vergleich) angeregt und koordiniert hat, die den Anteil des vom Menschen verursachten Ozonverlustes in der Arktis quantifizieren konnte.

Die Suche nach einer geeigneten Eisscholle, gemeinsam mit dem russischen Eisbrecher Akademik Fedorov, gestaltet sich schwierig. Satellitenbilder werden ausgewertet, 16 Schollen mit Helikoptern angeflogen und beprobt. Schließlich macht Polarstern auf der Position 85°07' Nord 138°05' Ost an einer genügend massiven Scholle fest. Sie ist 2,5 mal 3,5 Kilometer groß, hat einen Kern dicht gepressten Eises und an den Rändern dünnere Bereiche.

Erste, mit einem natürlichen Risiko verbundene Herausforderung: der Aufbau des Forschungscamps. Eine „Infrastruktur“ mit Mess- und Probenahmestationen entsteht, die auch ihre Namen haben: OceanCity, Oasis, MetCity usw. Grüne Flaggen markieren die Wege. 5300 Meter Stromkabel, 2500 Meter Signalkabel müssen verlegt werden. Ein MI-8-Hubschrauber setzt den schweren Stromverteiler aufs Eis. Auf bis zu 40 Kilometer entfernten, fragilen Eisschollen wird ein komplexes System aus 125 Bojen und autonomen Messeinheiten ausgebracht. Deren Daten gelangen per Satellit direkt in die Computer. Auch diese Außenposten müssen mit Strom versorgt und manchmal repariert werden.

Ab Mitte Oktober ist es stockdunkel. Und das Eis ist ständig in Bewegung. Unmittelbar neben dem meteorologischen Mast reißt das „Fundament“, das eigentlich nur in der Fantasie existiert. Immer wieder bilden sich Risse, verschieben sich Schollenteile, krachen neulich aufeinander, sodass sich hohe Presseisrücken bilden. Teile des Stromnetzes werden begraben, sichere Wege blockieren. Bei der Station „Oasis“ haben Meeresphysiker mit viel Mühe ein 1,5 mal 1,5 Meter breites Loch ins Eis gebohrt, gesägt, geschlagen, damit sie einen ferngesteuerten Unterwasserroboter hinablassen können. Ringsum wird der Schnee weggeräumt, ein Holzboden gelegt, der als Fundament für das Schutzzelt dient. Wasserproben bis zur Tiefsee sollen entnommen, Salzgehalt, Chlorophyll, Lichtverhältnisse und mit der Kamera das Leben unter Eis untersucht werden. Aber über Nacht trennt ein Riss die Station von der Polarstern, sie treibt ab. Oasis muss per Helikopter gerettet und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden.

Kein Team wird von den Naturgewalten verschont. Am 18. November verschiebt ein heftiger Sturm Bereiche des Eiscamps um Hunderte Meter. Der dreißig Meter hohe Teleskopturm der Meteorologen, unter großen Anstrengungen bei minus 35 Grad errichtet und sicher abgespannt, knickt um. Drei Stationen werden zeitweise vom Schiff getrennt. Über einen breiten Spalt muss eine Brücke gebaut werden. So mühsam alle Expeditionsteilnehmer, vor allem die Logistiker, nun Schäden beheben müssen – in wissenschaftlicher Hinsicht gehört der Sturm zu den Höhepunkten der Expedition. „Noch nie sind die Auswirkungen solcher Stürme auf die Stoffflüsse und das arktische Klima so umfassend dokumentiert worden“, sagt Markus Rex.

Dabei arbeiten alle nur im Licht der Suchscheinwerfer, so weit sie reichen, und im schmalen Kegel von Stirnlampen. Eine Infrarotkamera und Radaranlagen überwachen vom Schiff aus die Umgebung. Eisbärwächter sorgen dafür, dass die beliebten Fotomodelle sich wegen unbefriedigter Fresslust wieder trollen. Sobald ein weißer Petz auftaucht, müssen zumeist alle Mitarbeiter an Bord. Mancher Bär findet die Gerätschaften in seinem Lebensraum interessant und richtet allerlei Schaden an. Einmal knabbert sogar ein Polarfuchs an den Stromkabeln, sodass die meteorologische Station vom Netz getrennt wird.

Selbstverständlich wird die Tragfähigkeit des Eises ständig geprüft. Einerseits durch elektromagnetische Dickenmessungen – eine schweißtreibende Fußtour mit Sende- und Empfangsgestänge in der Hand, wie der Autor an der Seite von Christian Haas (Leiter des zweiten Fahrtabschnitts) erleben durfte. Andererseits mit dem sogenannten E-Bird, der an einem 30 Meter langen Seil per Hubschrauber über das Eis geflogen wird und wegen der tiefen Temperaturen geheizt werden muss. Mögen Statistiken für die Publikation noch genauer auszuwerten sein, als empirisches Ergebnis kann schon jetzt festgehalten werden: Es gibt kaum noch mehrjähriges Eis. Statt mindestens 1,5 Meter Eisdicke, wovon die Planung ausgegangen war, ist das Eis mit nicht einmal einem Meter ungewöhnlich dünn, wobei nach dem letzten warmen Sommer die untere Schicht schwammartig durchlöchert und wenig stabil ist. Solche Untersuchungen vor Ort sind unerlässlich, weil sie Bezugsdaten liefern, die erst eine korrekte Interpretation der Satellitenmessungen gewährleisten.

Der andere missliche Umstand: Wir reden in der Klimadiskussion von Zehntel Grad Erwärmung der Arktis im Winter. Verglichen mit den Temperaturen, die Fridtjof Nansen vor 125 Jahren gemessen  hat, liegen jetzt die Lufttemperaturen über der zentralen Arktis um fast zehn Grad Celsius höher. Das stimmt mit den jahrelangen Beobachtungen zum Beispiel in Spitzbergen (sieben Grad Erhöhung) überein.

Kaum eine Region der Erde hat sich in den vergangenen Jahren so stark erwärmt wie die Arktis. Und was dort geschieht, beschränkt sich nicht auf den Polarkreis. Die Klimaentwicklung auch in Europa hängt entscheidend vom Geschehen in der Wetterküche Arktis ab. Es geht im großen Ganzen wie im Detail darum, wie Wärme zwischen Ozean, Meereis und Atmosphäre abgegeben oder aufgenommen wird. Viele Geräte erstellen letztlich eine umfassende Energiebilanz. „Wir suchen nicht nach dem rosa Elefanten“, sagt Markus Rex. „Wir möchten die Prozesse verstehen. Das ist, wie wenn man ein Uhrwerk aufbaut. Da musst du nicht nur alle Rädchen und Federchen kennen, sondern auch ein Gesamtbild haben, wie alles zusammenwirkt. Irgendwann weißt du dann, wie die Uhr funktioniert.“ Deshalb wird das gesamte Ökosystem zwischen einer Höhe von 35 000 Metern und 4000 Meter Wassertiefe erkundet. Alle relevanten Fachbereiche sind beteiligt. Das Akronym der Mission konnte gar nicht besser gewählt werden: MOSAiC. Ausgeschrieben Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate (Multidisziplinäres Drift-Observatorium zur Untersuchung des arktischen Klimas).

Ende Januar bewegt ein anderes Ereignis die Gemüter: Innerhalb weniger Stunden steigt die Temperatur von minus 27 Grad auf minus zehn Grad. Tags darauf sinkt sie auf minus 35 Grad. Ein Sprung von 25 Grad! Unter anderem mit Laserlicht wird gemessen, wie die warme Luft aus dem Süden die Zusammensetzung der Spurengase und der Aerosole verändert. Zum ersten Mal konnte solch ein Einstrom in die winterliche Zentralarktis vor Ort analysiert werden. Auch die Eisspezialisten schaffen sich ein Highlight: Fort Ridge neben einem frisch entstandenen, etwa hundert Meter langen Presseisrücken. Diese kleinen Eisgebirge wurden zumeist als kompakte, leblose Masse betrachtet. Über ein genügend großes Loch konnte ein Roboter mit Kamera und angehängtem Netz die Unterseite erkunden, und siehe da: In den Eislücken leben viele Algen, Plankton, kleine Fische; sogar Polardorsch wurde gesehen – Material für das Team Eco, das die Artenvielfalt bestimmt.

Nach dem ersten Driftabschnitt war die Polarstern etwa 200 Kilometer vorangekommen, aber wegen des Zickzackkurses und vielen Schleifen betrug die tatsächlich zurückgelegte Strecke 720 Kilometer. Inzwischen hat sich die dritte Crew mit der Eisscholle vertraut gemacht, die sie nicht bei Tageslicht sehen konnte und mit deren Überraschungen sie zurecht kommen muss. Kein Außenposten der temporären ScienceCity ist ausgefallen. Schon jetzt füllt eine riesige Datenflut die Speicher der beteiligten Institut, die der Auswertung harrt. Indes beeinflusst die Ausbreitung des Coronavirus nun auch den Verlauf der Expedition. Nicht dass sich jemand angesteckt hätte, aber wegen der norwegischen Einreisesperre und Quarantäne-Verpflichtungen müssen die von Spitzbergen aus geplanten Messflüge zur Erforschung der Atmosphäre und des Meereises ausfallen.

Neues Deutschland, 21.3. 2020

 

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