Inhaltsverzeichnis

Spillkys Erzählung

Krachers Tod

Jadzia, meine Liebe

Einmal die Eisberge sehen

 


Jens Grandt

Spillkys Erzählung

Der Orkan hatte sich mit den üblichen Bildern angekündigt: dichte Zirruswolken, die über dem Horizont ausfaserten. Über Nacht erreichten die Windgeschwindigkeiten dreißig Meter in der Sekunde. Draußen war es stockdunkel. Gegen das Fenster peitschte der Sturm Schneeflocken mit solcher Kraft, dass sie an der Scheibe haften blieben wie splittriges Kristall. Es pfiff und fauchte. Die Holzwände begannen zu knarren und zu knacken. Auf dem Dach unserer bescheidenen Hütte klapperte ein Blech.

Robert Spillky saß in der Ecke und kaute Cornflakes. Vor ein paar Minuten hatte er den Feuerlöscher aus dem Gurt an der Wand genommen und wieder hingehängt. Mir fiel ein, dass er das schon einmal getan hat. Auch sonst verhielt sich der lange Kerl mit dem Stoppelbart etwas wunderlich. Manchmal saß er an seinem Arbeitstisch und stierte auf ein Foto, das neben dem Fensterrahmen hing. Darauf war ein junger Mann mit borstigem Haar zu sehen, der sehr selbstsicher dreinschaute. Ein fremder Blick, mir nicht geheuer. Wenn Spillky so dasaß und vor dem Bild zu meditieren schien, kam es vor, dass seine rechte Gesichtshälfte zu zucken begann, ein krampfartiges Zucken, das erst allmählich nachließ. Zu fragen, wer der Porträtierte sei, traute ich mich nicht. Ich war der Neuling hier.

Spillky kannte das Dronning-Marie-Land. Er war erst vor einem Jahr ins heimatliche Brandenburg zurückgekehrt, und jetzt hausten wir schon wieder seit fünf Monaten an der antarktischen Küste.

Die Zeiger der kleinen Kuckucksuhr, die irgendein früherer Bewohner der Hütte zurückgelassen hatte, gingen auf dreizehn Uhr, der Beobachtungstermin kam heran. Dass Robert nicht raus wollte, rechnete ich seinem Alter an. Und der Sturm brauste immer wütender. „Sieh dich vor! Ich pass' hier auf“, sagte er.

Was gibt’s denn hier aufzupassen, fragte ich mich. Aber zu grübeln war jetzt nicht die Zeit. Sturmanzug, Stiefel an, Kapuze geschnürt und raus. Vor der Hütte eine weiße Wand. Der Wind hatte Schnee zu einem meterhohen Wall verpresst. Mit dem Spaten grabe ich mir einen Weg nach oben. Eisnadeln stechen ins Gesicht. Ein Windstoß wirft mich zu Boden. Wie ein Maulwurf krieche ich über den Firn, rutsche eine Schneewehe hinab in die vom Brüllen des Orkans erfüllte Finsternis. Der Strahl der Taschenlampe dringt nur einen oder zwei Meter weit voraus. Am Leitseil entlang finde ich den Weg zur Wetterhütte, kriechend, stolpernd, von Luftwirbeln hin und her geworfen. Mit aller Kraft klammere ich mich an das Eisengerüst des Wetterhäuschens. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelingt es mir, die Messwerte abzulesen und auf eine Plexiglasfolie zu schreiben.

In die Hütte zurückgekehrt, dauert das Auskleiden länger als die Beobachtung selbst. Bis hinab zu den Fußsohlen ist der Schnee in die Stiefel geblasen worden. Nur langsam schmilzt das Eis von den Augenbrauen. An den Wangen und an der Nase werden die ersten leichten Erfrierungsmerkmale brennend spürbar.

„Stärk' dich erst mal“, meint Robert Spillky. „Die Beefsteaks sind fertig. Hab auch schon Kaffee gebrüht.“

Was mich wundert: Der Feuerlöscher steht wieder neben dem Doppelstockbett. Dreht der Mann durch? Man hat ja schon von sonderbaren Geschichten gehört. Dass Polarforscher in langer Winternacht zu phantasieren beginnen, Konserven unter der Matratze horten oder aus Verzweiflung den Lautsprecher von der Wand reißen. In Mirny soll ein Hund irre geworden sein und dutzende Stiefel durchgebissen haben.

Spillky serviert die Steaks, wirft Zuckerwürfel in den Kaffeebecher und rührt lange um. Aber seine Bewegungen sind fahrig, die Finger zittern. Seine Gedanken scheinen in weiter Ferne zu verweilen.

„Robert, was ist los mit dir?“

Er sah sich hilflos um.

„Was soll der Feuerlöscher auf dem Boden?“

„Muss man zur Hand haben“, sagte er verlegen, nippte am  Kaffee, verschluckte sich, schnaufte und grummelte zögernd: „Bei Sturm, weißt du ...“

Spillky wies mit dem Löffel auf das Bild an der Wand, ohne den Grund zu erklären. „Das passierte im letzten Winter.“

„Was?“

Er strich sich ein paar Mal über den Bart und sah mich grübelnd an. Dann begann zu erzählen: „Wir lagen in der Station hinter dem Gletscher. In Holzhäusern wie diesem, bisschen stabiler. Einige der alten Kästen waren im Eis versunken. Auch unser Trakt. Acht Räume unter einer vier Meter hohen Schnee- und Eisdecke. Ich schlief mit Alois Feinstein im letzten Zimmer.“ Er unterbrach sich, und sein Blick ruhte wieder auf dem Antlitz des jungen Mannes auf dem Foto.

„Mittwinternacht, das wird überall gefeiert. Weißt du ja. Von da an geht’s aufwärts, die Sonne nähert sich der Kimmlinie. Also floss der Wodka. Kondratjew, in seiner Bude hatten wir uns versammelt, spielte auf der Harmonika, sang dazu und tanzte sogar, in oder aus der Kniebeuge, wie das die Russen so machen. Alois gab Am Brunnen vor dem Tore zum Besten, und wie er das sang, wusste ich genau, an wen er dachte. Donnernder Beifall. 'Romantitscheskij!' rief Kondratjew. Ein Trinkspruch folgte dem anderen, auf die Freundschaft, auf das Leben! Als es zwölf wurde, öffnete Sergej, einer von den Synoptikern, die Fensterläden, die ja in der Baracke unter Eis noch vorhanden waren. Wir starrten auf die graue Wand, die uns umgab, und Sergej rezitierte eine Ode an den Mond. Das war schon lustig. Wir waren alle bester Stimmung. Aber ich hatte von dem Fusel genug, und ich wollte oben, in unserem luftchemischen Labor – auch so ein massiver Holzschuppen, der ragte aber noch aus den Schneewehen heraus – die Proben für den nächsten Tag vorbereiten. Alois war damit nicht fertig geworden. Ich trollte mich, zog die dicken Klamotten über und stieg die Holzleiter in dem schmalen Schacht hinauf ins Freie.

Ich war ziemlich schlapp. Hatte zwei Beobachtungstermine hinter mir. Im Sturm wie jetzt da draußen, ach, schlimmer. Spitzengeschwindigkeiten von sechsundfünfzig Metern in der Sekunde, furchtbar. Messerscharfer Treibschnee. Langsam wuchs eine Eismaske vom Kapuzenrand über das Gesicht. Ich stürzte mehrmals. Kein Signalscheinwerfer zu sehen. Völlig verschwitzt kam ich an, taute mit einem warmen Handtuch das Eis ab, bereitete die Gläser für die nächsten Schneeproben vor und fiel todmüde in die Koje.

Und dann … Sirenengeheul lässt mich hochfahren. Alarm! Alarm! Das Dröhnen im Lautsprecher über der Tür hört gar nicht auf. Ich krieche wieder in den Sturmanzug. Raus! Jetzt drückt der Wind von hinten, ich muss mich weit zurückneigen, um nicht zu stürzen, taste mich am Leitseil entlang. Wohin? Nichts zu erkennen in dem Schneewirbel.

An einer Seitenleine begegnet mir Kosta, ein Aerologe. 'Was ist los?' frage ich.

'Poshar!' schreit er gegen den Wind.

Poshar – Brand! Um Himmels Willen! Brand bei diesem Orkan!

'Wo?' schreie ich zurück.

'Meteorologija.'

Mich packt ein Grauen. Feuer in der Holzbaracke! Unter diesem Eis! Die Kameraden. Alois! Mein Freund Alois! Und die anderen!

Kosta stößt mich weiter. Ich stapfe ohne Verstand den Weg zurück, den ich wenige Stunden vorher gegangen bin.

Am Messfeld schwere Kettenfahrzeuge und Traktoren, schwarze Schatten in der schwarzen Nacht. Dahinter – mir stockt der Atem – die rote Wolke über dem Schacht zu unseren Zimmern. Sie flimmert und steht still, steht still trotz des Schneesturms. Der Widerschein des Feuers. Nur manchmal spuckt der Schlund eine Flamme aus, nicht groß, wie das Lohen einer Fackel.

'Wo sind sie?' schreie ich einen Mann an. Er weist mit der Hand auf die lodernde Stelle und wendet sich ab. Schemenhafte Gestalten um mich herum. Jeder hat mit dem Sturm zu kämpfen, um sich auf den Beinen zu halten. In wilder Hast schaufeln sie Schnee in den Schlot. Das Feuer blakt nur ein bisschen heller. Die meisten stehen ratlos 'rum, Schaufeln und Hacken zur Hand, verzweifelt wie ich. Wir können nichts tun. Der Schnee ist glasig hart, die Spaten dringen kaum ein. Ein Pflug versuchte, an der Seite der Wohnräume einen Graben aufzureißen, aber die Räume lagen zu tief – und die Zeit verging. Ein Bagger kippte Eis in die Flammen. Alles vergeblich. Alles – vergeblich. Keiner konnte gerettet werden.

Die nächsten Stunden waren der Horror. Der Lichtschein über dem Brandherd wurde schwächer, zog sich in die Gruft zurück. Ich wäre am liebsten hinterher gekrochen. Manchmal schlugen Funken hoch von Holzresten der brennenden Leiter. Längsseits brach die Eisdecke ein. Wir sahen verkohlte Balken. Da befahl der Stationsleiter, der Natschalnik, dass wir uns in die Unterkünfte zu begeben hätten. Nur die Techniker, als Bergungstrupp, sollten bleiben. Kosta nahm mich mit ins Haus der Aerologen. Schlafen konnten wir nicht. Acht Kollegen waren zuletzt in der Meteorologenhütte. Acht Tote.

Am Abend darauf, wenn man das so nennen kann, es war ja ununterbrochen finster, durften wir wieder raus ins Gelände. Ich stehe am Rand der Grube. Sehe hinunter in die Ecke, wo mein Bett stand. Auf einem Schutthaufen erkenne ich es wieder, ausgeglüht und verbogen. Die Bergungskolonne durchwühlt noch mit Äxten und Stoßstangen den Boden, um Aufzeichnungen oder persönliche Sachen zu finden. Aber das Feuer hatte den Schnee geschmolzen, eine Wasserschicht hinterlassen, die nach wenigen Stunden gefroren war.

Was geborgen werden konnte – kläglich wenig. Der größte Teil, die Tabellen, die Temperaturschriebe – vernichtet. Unter dem persönlichen Kram finde ich meinen Fotoapparat, verbeult und verrußt, meine geliebte Pentacon, und ein paar halb verbrannte Fotos. Dann entdecke ich, wie durch ein Wunder noch lesbar geblieben, mein Tagebuch. Und Briefe von meiner Frau; wir hatten kurz vor meiner Abreise geheiratet. Diese Sachen, so erzählte man mir, hätten in einem Bündel unter Alois' Bauch gelegen. Da fiel mir ein, dass ich die Papiere einmal in eine Ledertasche getan und Alois gebeten habe, im Falle einer Katastrophe darauf zu achten.

Der Abschied von den Kameraden, aufgebahrt im Lagerraum. Ich war mit allen so vertraut! Alois, mein engster Freund. Wir hatten zusammen studiert. Jetzt lag er vor mir, jämmerlich erstickt. Sein Gesicht war fahl, unter der Nase und um die Lippen Ruß. Vom Einatmen. Abgewischt mit dem Taschentuch. Alois! Er dachte an sein Versprechen, meine Briefe und Notizen zu retten, als für ihn selbst keine Rettung war, als er schon des Todes war.“

Spillky schwieg. Er hatte Tränen in den Augen, und als ein Windstoß das Dachblech aufschlagen ließ, begann seine Wange wieder heftig zu zittern.

„So war das“, beruhigte er sich, wie um einen Schlusspunkt zu setzen. „Nach dem Abendessen habe ich mich zu unserer Laborhütte rauf geschleppt. Die lag etwas höher als die übrigen Gebäude. Die Tür war eingefroren. Mit der Schulter dagegen gerammelt. Schnee auf dem Boden. Finster, kein Strom. Unheimlich still. Kein Ticken der Geräte, kein Summen, kein Klopfen der Pumpe. Der Strahl der Taschenlampe geistert über die Temperaturschreiber. Alle Registrierungen waren morgens 4.58 Uhr stehengeblieben. Tisch und Stühle – alles noch so, wie wir es tags zuvor verlassen hatten. Der scharfe Schein des Lichts verweilt auf einem Aschenbecher, ein zerquetschter Zigarettenstummel. Daneben eine halb ausgetrunkene Tasse Tee, schwarzer Tee, zu Eis erstarrt. Es ist Alois' Tasse. Ein Stillleben, das schreien will. – Seltsam, manchmal träume ich von Bränden, Bäume brennen, ganze Straßenzüge brennen“, sagte Robert Spillky langsam und bedächtig. „Und immer geht aus den Flammen Alois' verrußtes Gesicht hervor und dieses Bild: der Aschenbecher, der geknickte Zigarettenstummel und die Tasse, halb gefüllt mit schwarzem Eis.“

Wieder schaute er lange auf das Porträt an der Wand. Ich erhob mich, schlurfte zum Propankocher, auf dem der Kaffee leise vor sich hin brodelte und füllte die Becher. Aber ich konnte noch so viel Zucker hinzugeben, der Kaffee schmeckte bitter.

Eine Böe rüttelte an der Hütte, riss einen Packen Schnee vom Fenster, sodass ein dunkles Loch entstand, das sogleich wieder von Kristallen zugedeckt wurde.

„Warum gab es denn nur einen Zugang in die Räume unter Eis?“ frage ich. „Das ist doch völlig unerklärlich.“

Spillky nickte. „Schlamperei. Die alte Schlamperei.“

Inzwischen war der nächste Beobachtungstermin herangekommen. Ich machte Anstalten, Daunenhose, Fellanorak und Stiefel bereitzulegen.

„Lass mal“, sagte Spillky jetzt. „Ich geh' raus.“

Ich sah ihn zweifelnd an.

Sein Körper richtete sich auf. Um die Mundwinkel ein selbstgewisses Lächeln. „Ja, ich geh' raus.“

 

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Jens Grandt

Krachers Tod

Ich fror. Sehen konnte ich noch gut. Trotz des Eises an Wimpern und Augenbrauen. Die Eiszapfen im Bart versuchte ich herauszubrechen. Seit zehn Stunden stand ich auf der Plattform des Beobachtungsmastes am Canstone-Gletscher. Nur von kurzen Pausen unterbrochen zum Aufwärmen in der Hütte, die etwas abseits stand. Minus zwanzig Grad. Durch die filzverstärkten Sohlen kroch die Kälte herauf bis zu den Knien, in die Oberschenkel. Es war ein Elend. Von der Eiskalotte des Kontinents trieben Schneeschwaden zum Meer hinab. Sehen konnte ich den Gittermast auf der anderen Seite unseres Messdreiecks und den blinkenden Signalscheinwerfer, aber erkennen? Das ist ein Unterschied.

Gegen Mittag umgab sich die Sonne mit einem Lichthof, verformte sich zu einer gelben, flirrenden Ellipse. Das war normal. Wir hätten uns gewundert, wenn es nicht so gewesen wäre. Wir kannten diese ärgerlichen Eskapaden des Himmelsgestirns hier unten im Süden. An diesem Tag war die Refraktion des Lichtes besonders stark. Als ich durch das Fernrohr des Theodolits schaute, traute ich meinen Augen nicht. Die Stationsgebäude, die wir vom Inlandeis aus nicht sehen konnten, weil sie hinter einer Bodenwelle lagen, tauchten über dem Horizont auf. Alle Gegenstände erschienen seltsam verzerrt. Das Haus, in dem wir wohnten, wenn wir uns im Basiscamp aufhielten, stand breitgezogen wie ein Strich auf dem Schnee, im nächsten Augenblick schmal und hoch wie ein Turm. Ein Eisberg, sonst unseren Blicken entzogen, schwebte in der Luft. Die Flanken waren viel steiler als in Wirklichkeit; er sah aus wie der Lilienstein in der Sächsischen Schweiz, den ich oft bestiegen hatte und der mir als ein Sinnbild verheißungsvoller Sommertage in Erinnerung geblieben ist. Wir waren aufgebrochen, um herauszufinden, wie und in welchem Maße der Lichtstrahl eines Entfernungsmessers über dem antarktischen Eis abgelenkt wird, sodass die Strecken und Höhenunterschiede, die wir zu erfassen suchten, nie den wahren Werten entsprachen. Doch in diesen luftverwirrten Stunden ging nichts mehr. Die roten Zylinder der Signalstangen auf dem Gletscher faserten auf als stünden sie in Flammen. Besonders kurios war, dass ich im Fernrohr an der gegenüberliegenden Station Artur stehen sah und über ihm, auf den Kopf gestellt, erschien Artur ein zweites Mal. Artur, der Kfz-Mechaniker, der unsere bescheidene, auf Kuven montierte Hütte mit dem Kettenschlepper den langgezogenen Hang heraufgekarrt hatte.

Ich griff zum Feldtelefon und rief Schorsch in der Hütte an. „He, komm‘ mal raus! Schnell. Sonst schwindet das Bild.“

Schorsch war ein alter Polarnik, Meteorologe, ein ergrauter Hühne, der dreimal überwintert hatte. Er kannte das Enderbyland wie ein Emigrant ein liebgewordenes Exil. Er torkelte über die Schneewehen, die den Pfad bedeckt hatten, kletterte mühsam zur Plattform herauf und schaute durch das Fernrohr.

„Fabelhaft“, sagte er, trocknete sich die Augen und beugte sich wieder zum Okular. „Gespenstisch. So habe ich vor einem Jahr Conrad Kracher gesehen. Am nächsten Tag war er tot.“

Als wir in der Hütte saßen, am Arbeitstisch unter dem Fenster, klang dieser Satz nach wie ein nicht enden wollendes Echo, das der Erlösung harrte. Krachers Tod war ein Tabu. Jeder wusste von dem Unglück, aber keiner sprach darüber. Ich war Kracher nur einmal begegnet, zuhause im Ausrüstungslager. Wir probierten die Polarkleidung. Es war ein heißer Tag. Uns lief der Schweiß von der Stirn, nachdem wir über einen dicken Pullover den wattierten Arbeitsanzug und darüber den Sturmoverall gezogen hatten. Da trat ein resoluter Bursche herein, nicht groß, ja man konnte sagen, etwas kurz geraten, doch von kräftiger Statur. Er stutzte, lachte gallig und bemerkte mit einem verächtlichen Blick: „Wie seht ihr denn aus? Wie Schweine in der Sahara.“

Selber in Wolle und Webpelz, schwitzte er nicht weniger. Er zog den Gürtel so eng es ging und betrachtete sich im Spiegel, der an der Bretterwand lehnte. Verdreckt und fleckig – wer legte schon Wert auf Aussehen, wenn es galt, eine vielleicht lebensrettende Schutzkleidung anzulegen? Der ganze Aufwand mit den Sachen – Schnickschnack, meinte der Lauthals. „Das brauchst du nie alles auf einmal. An Kälte kann man sich gewöhnen. Ein gesunder Körper passt sich an. Ich bin Eisbader. Wer sich das nicht zutraut, muss nicht in den Süden fahren."

Wir waren sprachlos. Zwölf Monate Antarktika. Wir wussten von Schneestürmen,  grimmigem Frost, der nadelscharf die Wangen aufreißt, die Glieder lähmt, den Nerv der Zähne tötet, wenn man durch den Mund atmet. Das hatten wir gelesen oder uns erzählen lassen. Wir packten kleinlaut die Kleidungsstücke in die Seesäcke. Draußen, in dem verwilderten Obstgarten, der das Lager umgab, fragte jemand: „Wer war denn das?“ Ein anderer erwiderte: „Der Conrad Kracher. Fährt nach Mirny und zur Drygalski-Insel.“

Mich verschlug es in die Latadi Mountains, und ich konnte, was ich im Seesack hatte, gut gebrauchen. Von Conrads Unglück erfuhren wir aus einem Funkspruch. Wir konnten es nicht fassen.

Füße und Hände am Heizkörper, ein Handtuch um Stirn und Bart gewickelt, fragte ich Schorsch: „Was ist damals geschehen? Du warst doch dabei. Oder in der Nähe.“

Schorsch stand auf und begann in der Ecke unserer engen Hütte, wo der Propanherd stand, Tee zu brühen. Wasser, das wir täglich aus einigen Eimern Schnee erschmolzen, war noch genügend vorhanden. Er maß die Becher ab und fragte über die Schulter: „Willst du die Wahrheit hören oder was im Protokoll steht?“

„Beides.“

Über Schorschs Gesicht glitt ein harsches Versinken an Orte und in Zeiten, die Keise zogen, wie ein Stein im Fluss der Ereignisse. „Nach dem Bericht, den ich schreiben musste, war es ein Sportunfall. Genau besehen aber ...“ Er suchte nach passenden Worten. Seine Hand verharrte in einer ratlosen Geste. „Vielleicht war es mehr“, sagte er. „Um das zu verstehen ... Ich mochte Conrad. Seine Unbedingtheit, das Ungestüme. Zweifel kannte er nicht, weder an sich noch an dem, was er erreichen wollte. Er dachte vorwärts, vorwärts, geradezu. Ein charismatischer Typ, ja, so sonderbar das klingt. Eine Episode, die ich nur beiläufig wahrnahm, könnte für das Unerklärliche etwas bedeuten. Das ist mir später aufgegangen. Der Abflug in Berlin. So ein Abschied ist immer traurig. Die meisten Verwandten und Bekannten versuchten sich zu beherrschen. Auch seine Eltern, eine kleine, verhärmte Frau, die Mühe hatte, ihre Tränen zu verbergen, und ein Mann, der in dem Gewusel wie versteinert dastand. Dann war noch eine Freundin gekommen. Ein attraktives Weib mit langen schwarzen Haaren. Sie weinte hemmungslos. Den Angehörigen war erlaubt worden, sich auf dem Flugfeld zu verabschieden. Vielleicht, weil eine Polarexpedition als was Besondres galt. Weil damals ... verstehst du? Wir konnten das Land nicht ohne weiteres verlassen. Auf der Gangway drehte sich jeder von uns noch mal um und winkte oder nickte wenigstens mit dem Kopf, gab irgendein Zeichen. Conrad nicht. Er stieg spornstreichs die Stufen hinauf und verschwand im Flugzeug.“

 

So begann Schorsch seine Erzählung. Ich unterbrach ihn nicht. Er sprach mit kratziger Stimme, und während der Pausen, wenn er nachdachte, wie es weiterging, kniff er sich ins Ohr, als wolle er seinem Gedächtnis Impulse geben.

„In Mirny wurden wir in ein Haus eingewiesen, in dem die Russen wohnten und ein Amerikaner, der sich mit Robben und Pinguinen befasste. Was wir sahen, glich einer tief verschneiten Scheune. Auf dem Dach war ein Stahlgerüst montiert, das einige Geräte trug. Wir traten durch eine schlecht schließende Tür. Eine einzige Glühbirne erleuchtete Raum. Fenster gab es nicht. Kisten und Geräte standen herum. Dazwischen Schnee, der durch Ritzen eindrang. Von der Decke, von den Wänden troff Schmelzwasser herab. Wir sahen uns entsetzt an. Hier überwintern? ‚Die hab‘n doch den Arsch offen‘, fluchte Conrad.

Während ich schon überlegte, wie wir den Schuppen abdichten könnten, kam eine Gruppe lärmender Russen herein. Unter ihnen ein schlanker, drahtiger Kerl, Sergej Kondraschin, der Hauskommandant, so hieß das damals. Er guckte etwas schelmisch unter der Kapuze hervor, die ihm in die Stirn gerutscht war und meinte, es sei nottwendig – er sagte wirklich nottwendig –, etwas zu trinken. Wir hielten dagegen, dass uns nicht nach Schnaps zumute sei. Er grinste ungläubig. Sergej war tartarischer Abstammung; er hatte eine dunkle, pockennarbige Haut, und die leichte Schlitzäugigkeit bewirkte, dass auf seinem Gesicht meist ein feiner ironischer Zug lag.

Sergej zog uns um den Kistenstapel herum. Erst jetzt bemerkten wir einen Abgang, der ins Eis hinunterführte. Dort in der Tiefe befand sich das eigentliche Wohn- und Arbeitsgebäude. Es war im Laufe der Jahre sechs Meter unter die Schneedecke gesunken. Ein barackenähnlicher Trakt, der mich an mein Studenteninternat erinnerte. Vom Flur gingen rechts uns links die Zimmer ab. Selbstverständlich waren sie gut geheizt und trocken. Sie hatten sogar kleine Fenster. Wenn wir sie öffneten – das taten wir nur selten, aus Jux oder in einem Anflug trunkender Träumerei –, dann sahen wir auf eine graue Eiswand.

Sergejs Zimmer überraschte durch seine Fremdheit. Es war nicht nur mit allerlei roten und braunen Teppichen ausgelegt, an der Wand hing auch eine farbenprächtige Ikone, von einem Öllämpchen beleuchtet. Sergej hatte diese anheimelnde Höhle von seinem Vorgänger übernommen. Einen Samowar sah ich nicht. Stattdessen stellte Sergej Gläser auf den Tisch und goß aus einem Blechkanister eine klare Flüssigkeit ein. 'Budjet, budjet', sagte er, 'ein paar Tage und ihr fühlt euch in andere Heimat.'

Vielleicht bemerkte Sergej, wie wir des Trostes bedurften. Er lächelte zufrieden. Dann zogen sich die Augenbrauen zusammen, er sah uns scharf an und begann zu dozieren, in einer altväterlichen Weise, die gar nicht zu ihm passte. Der Anfang sei am schwersten, sagte er. ‚Das denkt jeder. Aber das nicht stimmt. Kein Anfang ist wirklich schwer. Alles neu. Du bist aufgeregt – die schönsten Wochen im Camp. Aber dann, wenn du merkst: Wir alle sind allein. Allein in der Wüste, trockene Wüste, du hast Durst.‘ Er lachte und lehrte das Glas in einem Zug. ‚Eis, Schnee. Allein. Immer dieselben Leute.‘

Unser neuer Freund erklärte den Tagesablauf, die Wege, die Pflichten und Vergnügungen. Ich wollte wissen, wie der Fuhrpark beschaffen sei, denn wir mussten täglich auf die Eiskappe, wenn die Lichtmessungen einigermaßen sinnvoll sein sollten. Conrad schwieg die ganze Zeit. Er beobachtete Sergej Kondraschin, als säße ihm ein exotisches Tier gegenüber. Das machte Sergej nicht verlegen; er sah Conrad offenherzig an und prostete ihm ein um das andere Mal zu. Es gelang mir, jeden weiteren Trunk abzuwehren. Das Gesöff war fast reiner Alkohol. Davon bekommt man keine Kopfschmerzen, aber nach einer halben Stunde drehst du durch. Conrad hielt tapfer mit. Er tat alles seinem Gegenüber gleich. Ich bewunderte ihn – ein Standvermögen hatte der Junge!

Wir zogen in ein Zimmer neben dem Treppenschacht. Conrad sollte Wetterbilder empfangen und Funkwellen messen. Ich hatte mit einigen Leuten eine Versuchsstrecke aufzubauen. So ähnlich wie unsere da draußen. Um herauszufinden, wie der Lichtstrahl abgelenkt wird, wenn die Luft über dem Schnee unterschiedlich kalt oder warm geschichtet ist. Ich kam mit ihm ganz gut aus. Eigenheiten, ja, wer hat die nicht? Er brauchte eine Stunde für die Morgentoilette. Ich kam oft nach Mitternacht vom Beobachtungsmast zurück, müde, durchgefroren, und stellte den Wecker auf die letzte Minute. Wenn ich dann aus dem Bett kroch, war die Toilette immer verschlossen. Zum Verrücktwerden. Kracher machte keine Anstalten, etwas früher oder später aufzustehen. Für ihn war klar: Ich hatte mich ihm anzupassen. In dem Kabuff stank es jedes Mal wie in einem Kosmetikladen. Man konnte kaum atmen. Einmal hatte er vergessen abzuriegeln. Ich sah, wie er sich die Brust rasierte. Ihm war das peinlich. ‚Wachsen die Haare kräftiger‘, erklärte er. Er wollte ein schöner Mann sein. Toller Körper, durchtrainiert.

Tja, was geschah damals? Wie spitzte sich das zu? Ich saß manchmal an meiner Tischecke und dachte, wenn er an einer Leiterplatte lötete oder seine Notizen durchsah: Conrad Kracher, was bist du für einer? Er war ehrgeizig. Er baute stundenlang bei minus fünfundzwanzig Grad an der Antenne auf dem Schuppen, den wir anfangs für unser Haus gehalten hatten. Einmal riss der Sturm den Dipol um. Conrad rackerte, bis er kaum noch kriechen konnte, meist ohne Handschuhe, wärmte sich kurz mit heißem Kaffee auf und stürzte wieder hinaus. Ich half ihm, und er schimpfte, wenn ich auf dem Dach paar Kniebeugen machte, um mich auf Temperatur zu bringen. Trieb mich an: ‚Los, komm‘ hoch, halte mal ... Bist hier nicht im Medclub.‘ Am Ende hatten wir an Händen und Nase deutliche Anzeichen von Erfrierungen. Unser Arzt, der sonst so behäbige Aljoscha, kam aus dem Revier herüber, trotz Schneesturm hangelte er sich an der Leine entlang, die den Weg wies, wenn er in der Dunkelheit verschwunden war. Er kurierte die lädierte Haut mit einer Tinktur und meinte, nun seien wir echte Polarniks.

Conrad war stolz auf diese Bemerkung. Er war stolz auf seine Tabellen. Ionisation der Atmosphäre. Er machte die besten Fotos, begehrte Tauschobjekte, meist gegen Wodka, dem Zahlungsmittel der Russen. Wir wunderten uns über die teure Fotoausrüstung, die er mitgebacht hatte. Er war gerade mit dem Studium fertig geworden und konnte noch nicht viel vedient haben. Wenn wir ihn danach fragten, erwähnte er seine Eltern und ließ durchblicken, dass sie irgendwo im Sächsischen auf hohen Posten säßen und gutes Geld verdienten. Was genau sie machten, sagte er nicht; das blieb im Dunkeln.

Eines Abends, als wir die Unterkunft nicht verlassen konnten, weil ein höllischer Sturm jeden Tripp zur Qual machte, bemerkte ich, dass an der Geschichte etwas nicht stimmen konnte. Conrad begann Liegestütze zu machen und den Tisch gegen die Decke zu stemmen.

‚Übertreib’s nicht‘, rief ich von meiner Koje aus.

‚Jeden Tag einmal bis zur Erschöpfung, da brauchst du keinen Arzt‘, antwortete er. ‚Hat mir mein Vater eingebläut. Der trimmt sich bei der Feldarbeit, aber unsereins ...?‘

‚Aha, Landwirtschaft?‘ fragte ich. Er fing an herumzutrucksen. Nicht direkt, ist schon lange her, oder so ähnlich. Das war ein Widerspruch. Er sprach in der Gegenwart: trimmt sich. Ich musste nach der Expedition die Eltern besuchen. Kondolenzbesuch. Mit Angstkribbeln im Bauch. Ein schwerer Weg. Das waren ärmliche Leute, die rackerten auf einem kleinen Bauernhof. Die hatten sich die Fotoausrüstung von kärglichen Einnahmen abgespart.“

Ich wurde ungeduldig. „Nun komm doch mal zur Sache. Der Unfall!“

„Das gehört dazu, die Vorgeschichte.“

„Ihr Wetterfritzen schwafelt zu viel.“

„Nein, ich will damit sagen, dass Conrad sich ein bestimmtes Ansehen zu verschaffen suchte. Das wurde auch an Kleinigkeiten deutlich. Sobald jemand Fotos machen wollte, nahm er eine höhere Position ein, zerrte einen Kasten heran oder stellte sich auf eine Bank. Er wollte bedeutend erscheinen. Das war, so meine ich, das eigentliche Unglück.“

„Soll das heißen, Gefallssucht als Todesursache?“

Schorsch wiegte bedenklich den Kopf und fuhr fort: „Conrad spielte gut und gerne Schach. Mich zu besiegen, hatte er keine Mühe. Aber er konnte nicht mit Anstand verlieren. Manchmal kam eine Franzose zu uns, der bei den Aerologen wohnte. Die Russen nannten ihn Tschjort, Teufel, weil er schnell jähzornig wurde, der Elies aus Toulouse. Der kannte exzellente Partien. Während eines dieser Spiele musste Elies mal aufs Klo. Als er sich wieder über das Brett beugte, meinte er: ‚Hier stimmt was nicht.‘ Und nach einigem Überlegen: ‚Du hast den Läufer ein Feld vorgerückt!‘ Conrad bestritt das mit heftigen Worten. Aber ich traute ihm das zu. ‚Du Hund, verdammter deutscher Hund, Betrüger!‘ schrie Elies und warf alle Figuren um.

Zwei Tage drauf feierten wir meinen Geburtstag. Wir waren gegen Morgen alle ziemlich voll. Elies hing mit dem Oberkörper über der Tischkante und stöhnte. Aber er verstand noch, was um ihn geschah. Als Conrad zu sticheln anfing ... ‚Hey Teufel, wach auf! Du hast tapfer gekämpft. Sei ein Mann, auch wenn du schwach bist!‘ Da packte Elies den Aschbecher und warf ihn gegen Conrads Kopf. Er traf nicht. Das schwere Stück prallte gegen den Globus. Der polterte zu Boden. Mir gelang es, in einem gesetzten Tonfall zu sagen, dass das doch zu weit ginge. Die Jungs beruhigten sich, und einer nach dem andern verschwand in die Kojen.

Die Schachrivalität hatte keine weiteren Folgen. Mit Sergej, dem Tataren, verhielt es sich anders. Seit der ersten Begegnung lag eine seltsame Spannung zwischen den beiden. Sie galten unter den Stationsinsassen als befreundet, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie sich wirklich mochten. Ich bemerkte, wie sie ihre Kräfte maßen. Wenn die Gletscherwinde faul waren und die Sonne schien, spielten wir gerne Volleyball. Conrad versuchte, so oft es ging, dabei zu sein; da konnte er sich zur Geltung bringen und austoben. Ein Höhepunkt war jedesmal, wenn auch Sergej erschien. Dann standen sich die beiden Compagnons gegenüber, stellten die Mannschaft zusammen, feuerten die Spieler mit lautem Geschrei an. Es war ein Genuss, den beiden zuzuschauen. Sergej glänzte mit Sprüngen am Netz. Da konnte Conny nicht mithalten. Aber wenn es einen Ball zu retten galt, bevor er auf den Boden schlug, schoss sein Körper mit ausgestreckten Armen über’s Feld, fing sich ab wie es die Judokas machen, und der Ball schwirrte zielsicher in die gegnerische Hälfte.

Natürlich sonnten sich die Mannschaftsleiter in den Begeisterungsrufen der Zuschauer. Der Unterschied zwischen den beiden war, dass Sergej lachte, wenn ihm ein Coup gelungen war, während Conrad die Brust herausreckte und vor sich hinstierte, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt gewesen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass es Conrad gar nicht auf das bessere Ergebnis ankam, es ging um‘s Ansehen vor der Truppe. Beim sportlichen Wettkampf genauso wie beim Kistenheben oder wenn es galt, mit schlauen Einfällen den Funkverkehr zu sichern, der immer wieder durch die Dieselaggregate gestört wurde. Wo sie zusammen auftraten, ja ein Zufall sie zusammenführte, fing er an zu balzen, und Sergej machte mit. Der ließ sich von dem Gehabe anstecken wie ein Pinguin, der auch den Hals reckt und mit den Flügeln flattert, wenn der Nachbar damit anfängt. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass zwei Alphatiere um den ersten Platz unter den Männern kämpften. Die Autorität der Expeditionsleitung zählte nicht.

Sergej Kondraschin war in seinem Rajon im Ural Landesmeister im Slalomlauf. Auch Conrad konnte gut skilaufen. Er hatte seine Bretter mitgebracht. Da war er gut beraten. Ich und der dicke Ottmann, mein Kollege vom Wetterdienst, wir hatten Schlittschuhe eingepackt, weil wir dachten, auf dem Eis, wo der Wind den Schnee wegträgt, müsste man gut Schlittschuh laufen können. Pustekuchen. Die Flächen viel zu hucklig, höllisch glatt, aber nicht eben. Wir verlegten uns dann auf‘s Fischen.“

„Fischen – hier?“ fragte ich.

„Nein, wie soll denn das gehen, wo der Gletscher über die Küstenlinie streicht. Dort vor Mirny, haben wir Meereis. Du suchst dir eine Spalte, hackst noch ein bisschen darin herum, bis du offenes Wasser hast. Dann brauchst du nur einen Stock, Angelschnur und Haken – los geht’s. Ich hatte genug Angelhaken mitgebracht. Die Fische sind klein, deshalb muss man gleich an die zehn Haken in die Schnur binden, sonst lohnt sich der Fang nicht. Aber diese Plunders beißen schnell an. Wenn du nur mit dem Stecken wackelst, schon sitzt einer dran, den du zu Ködern schneiden kannst. Und sie schmecken sehr gut.

Es war ein diesiger, heller Morgen, noch dazu Sonntag. Wir bejubelten jeden Fischzug aus dem Eisloch, als hingen Klümpchen reinen Goldes an der Leine. Wir machten gute Beute, sodass wir auf die Kantinenklopse gern verzichteten und noch zwei Kollegen zum Essen einladen konnten. Conrad bestand auf Gay McCorney, dem Amerikaner, und Sergej. Es wurde ein fröhliches Mahl. Selten hatte ich Conny so aufgeräumt und lustig gesehen. Gay bedankte sich für die ‚gold-fishs‘ – sie glänzten wirklich goldbraun, wenn man sie gegen die Lampe hielt. Conny legte vertrauensvoll den Arm um die Schulter des Biologen. Sie saßen oft beisammen. Mit ihm beriet sich Conrad, wenn die Elektronik versagte. Ihm offenbarte er seine Messdaten, die er sonst niemanden zeigte. Es hatte den Anschein, als wolle sich der sonst so selbstbewusste Kracher dem älteren McCorney andienen.

Alkohol mieden wir. Es war ausgemacht, dass Conny und Sergej anschließend Skifahren wollten. Östlich der Station gibt es ein paar sanfte Täler. Sie neigen sich von der Höhe des Inlandeises allmählich zur Küste. Vorn an der Barriere brechen sie abrupt ab. In die Nähe dieser Kante durfte man nicht kommen. Sie war zwanzig Meter, an manchen Stellen dreißig Meter hoch. Auf den oberen Hängen tummelten sich bei schönem Wetter die Skifahrer. So auch Conrad. Er war im Erzgebirge aufgewachsen, wo die Kinder mit Brettern an den Füßen geboren werden. Er fuhr am liebsten mit Sergej. Dann konnte man die tollsten Abfahrten und Wettläufe sehen. Sie bauten sich sogar ein Schanze, legten von einer hohen Schneewehe zu einer niederen die Spur und versuchten sich im Weitsprung.

Im April, die Tage waren schon kürzer geworden, stürzte der russische Aerologe und brach sich ein Bein. Daraufhin verbot Schtutow, der Stationsleiter, ein alter Militär und nicht sehr beliebt, das Skifahren. Er befahl, die Bretter in einen Lagerraum wegzuschließen. Nur Sergej hielt sich nicht an das Verbot. Für den galt es nicht, den ließ man stillschweigend gewähren.

Conrad fluchte: ‚Schikane! Offiziersallüren! Mein Gott, weil da mal einer ungeschickt war!‘ Es kränkte ihn, dass Sergej skifahren durfte und er nicht. Er versteckte seine Bretter unter dem Bett und stahl sich manchmal, wenn er annahm, Schtutow bemerke es nicht, mit Sergej hinaus auf die Hänge.

In der Woche darauf habe ich an der Trasse zum Flugplatz gemessen. Die Temperaturunterschiede zwischen den Luftschichten nahmen krass zu. Das war die Stunde, in der ich Artur auf dem Kopf stehend gesehen habe, nein, mehr schwebend, in der Luft schwebend. Das ist so ein Bild... Da denkst du: Alles, was wir sehen, ist zwar wirklich, aber ist es wirklich wahr? Menschen: Erscheinungen. Die ganze Welt – bloße Erscheinung. Ja, wir täuschen uns, wir täuschen uns fast immer.

Am nächsten Tag muss Kracher der Hafer gestochen haben. Ich harrte wieder auf dem Beobachtungsmast aus. Klarer Himmel. Sonnensplitter auf dem Eis. Aber die Kälte klirrte in den Stahlstreben. Ich stellte den Theodolit auf das obere Podest. Der rote Lichtpunkt auf der Gegenstation flimmerte. Ich konnte ihn kaum anvisieren. Schließlich gelang es doch. Acht Entfernungsmessungen. Ottmann, der Meteorologe, saß in einem Iglu. Er registrierte Temperatur und Feuchtedaten. Ich freute mich über die Abweichungen. Die Strecke war anderthalb Kilometer lang. Ich erhielt Entfernungen, die zwanzig Meter darüber lagen. Was für ein Effekt! Ich war happy. Heroische Gefühle: Allein am Geomast, hinter mir im Süden, im Osten und Westen auf Hunderte von Kilometern kein einziger Mensch. Nur ich und Ottmann in diesem schäbigen Iglu. Stille ringsum, eisiges Schweigen. Plötzlich klingelte das Feldtelefon. ‚Der Stationsleiter hat angerufen‘, hörte ich Ottmanns aufgeregte Stimme. ‚Conny ist verunglückt.‘

Ich weiß nicht mehr, ob der Schreck oder der Ärger überwog. ‚Schwer?‘ fragte ich zurück. ‚Keine Ahnung. Conny liegt im Hospital.‘

Wir einigten uns, noch einen Durchgang zu messen. Ich war unkonzentriert. Was könnte passiert sein? Ein Knochenbruch? Arm oder Bein? Aber wenn Schtutow anrief, dann ...

Mit dem Motorschlitten brauchten wir zwanzig Minuten zur Station. Als erster lief uns der Koch über den Weg. Von ihm erfuhren wir das Entsetzliche: Conrad war die Eisbarriere hinabgestürzt. Unfassbar. Von der hohen Kante des Gletschers in die Tiefe. Auf das Meereis oder die Eisblöcke, die sich dort häufen.

Aber Conrad lebte! Das war genauso unerklärlich, wie einer nach solch einem Sturz noch leben konnte. Ich rannte zum Hospital. Man ließ mich nicht in den Behandlungsraum, und Aljoscha, der Arzt, kam auch nicht heraus. Ich erfuhr, dass Conrad nach einem Schock wieder zu Bewusstsein gekommen war und dass man bei der Bergung des Verletzten kaum Blut gesehen habe. Das besagte nichts, sein Körper steckte ja in dicken Klamotten.

Ich saß noch keine fünf Minuten in meinem Zimmer, als Sergej hereinstürzte. Er sah schrecklich aus, dunkle Augenringe, hohle Wangen. Er jammerte und flehte. ‚Ich habe nicht Schuld, glaube mir. Bitte! Glaube mir! Ich konnte nichts machen.‘ Er fuhr sich ein um’s andere Mal mit der Hand über die Stirn. ‚Es ging so schnell. Er war so weit. Ich konnte nichts machen!‘

‚Was ging so schnell?‘

‚Das – alles – an den Hängen. Dort – du weißt ... Auf unsere Ski wie immer. Wie immer quer in die Täler. Das schwöre ich. Quer, nicht direkt zum Meer hin.‘

‚Was heißt nicht direkt?‘ unterbrach ich ihn. ‚Also doch ein bisschen auf die Barriere zu.‘

‚Nein, nein! – Bloß am Anfang. Damit wir Schwung kriegen. Wenn wir Fahrt hatten, sind wir abgebogen auf den Hügel nach Osten. Verstehst du? Von westliche Seite nach Ost. Und immer durch erste Tal. Das ist nicht steil. Wenn einer von uns oben stand, hat er auf den anderen gewartet. Und dann ...‘

‚Moment mal.‘ Mir kam ein Verdacht. ‚Das war doch wieder so ein Wettkampf.‘

‚Darauf kam es nicht an. Naja ...‘, druckste er und wand sich auf dem Stuhl als würde er von Geiseln geschlagen. ‚Wir haben geguckt, wer höher auf den Hang hinauf kommt. Das war Spaß.‘

Ich glaubte ihm nicht. Aber ich ließ mir nichts anmerken.

Sergej stöhnte. ‚Wenn wir oben waren, sind wir zurückgelaufen. Aber dann ... wir standen auf dem Wall. Plötzlich ...‘ Er verbarg das Gesicht hinter großen, schwieligen Händen. Ich seh‘ das noch vor mir, von Dreck und Kälte aufgerissene Hände. Er schwieg lange.

‚Und dann?‘

‚Ich hätte ihn festhalten können ... Wir schauten auf Küste hinunter. Alles glänzte, die Sonne, alles glänzte, Schnee und Eis. Auf einmal stößt sich Conrad mit den Stöcken ab, schreit juhuh!, und saust in das zweite Tal hinab. Ich hinterher. Dieses Tal hat unten einen Huckel. An der Stelle man muss bremsen, damit man querab kommt. Aber Conrad stürzt. Er begann zu rutschen. Du weißt, wie hart, wie glatt der Schnee sein kann. Conrad fand keinen Halt. Er glitt in den Teil des Tales, der sich stärker neigt. Er rutschte langsam. Meter für Meter. Conrad versuchte, sich gegen den Untergrund zu stemmen, mit den Skiern, breitete die Arme aus, er schlug mit den Armen auf‘s Eis. Es half nichts. Die Kante kam immer näher. Ich rief und schrie: Conrad! Er gab keinen Laut von sich. Einen Augenblick schien es, als – so als liegt er still, unbewegt zwei, drei Meter vor der Kante. Dann – sah ich ihn nicht mehr.‘

 

Schorsch nahm die Kanne vom Teewärmer und goss nach, als uns das Rattern eines Kettenfahrzeugs aufhorchen ließ. Es schwoll an, wurde wieder leiser und erstarb hinter der Holzwand, an der unser Doppelstockbett stand. Artur brachte drei Fässer Dieselöl für den Ofen und ein Fass Benzin. Dazu einen Kasten Radeberger Pilsner, der mit großem Hallo empfangen wurde. Wir stiegen in die Stiefel, knöpften den Daunenanorak bis zum Hals – Kapuze hoch, Handschuhe an – und rollten die Fässer zum Brennstoffdepot, das sich hinter der Hütte befand.

Eine scharfe Böe wirbelte Fegschnee auf, sodass wir uns nur noch schemenhaft erkennen konnten.

„Hast du keine Fasspumpe auftreiben können?“ rief Schorsch durch das Schneetreiben.

„Nix gefunden“, rief Artur zurück.

„Scheißarbeit, bei Sturm das Öl in Kanister kippen. Die Hälfte kleckert daneben.“

Wir wuchteten die Fässer hochkant und flüchteten wieder in unser wohliges Schlittenhaus. Die Flaschen sangen ihr klares klick, klick, klick. Artur zerrte einen Hocker heran und versuchte, sich in Schorschs Erzählung hineinzufinden.

Der Rettungstrupp habe lange gebraucht, um den Verletzten ins Camp zu bringen, erfuhren wir. „Es gibt dort nur einen entfernten Abgang zum Meereis, und ehe die Kameraden an der Unglücksstelle waren ...“, erklärte Schorsch. „Einige Stunden lag Conrad im Koma. Die Untersuchung ergab einen doppelten Beckenbruch. Zwei Rippen hatten sich in die Lunge gebohrt. Das sah auf den Röntgenbildern schlimm aus. Aber er kam wieder zu sich. Ich konnte mit ihm reden. Wir überlegten, wie wir seine Messungen fortsetzen könnten, damit keine Lücken entstehen. Seltsam, wir sprachen fast nur über die Arbeit. Conrads größter Kummer war, dass er über Monate ausfallen würde. ‚Wenn ihr Hilfe braucht‘, bat er, ‚kommt zu mir!‘

Über Nacht sammelte sich Blut in der Lunge an. Er hing am Tropf. Wir saßen in unserer Baracke unterm Eis und fanden keinen Schlaf. Niemand wurde zu ihm gelassen. Manchmal riefen wir den Arzt, Aljoscha, an, bis er sich die Störung verbat. Kurz vor Mittag erhielten wir die Nachricht, dass Conrad verstorben sei. Ich eilte wieder zum Hospital. Aljoscha stand in der Tür. Er war so müde, dass er kaum die Augen öffnen konnte. Er reichte mir die Hand, und wie er sich dabei mit der Linken auf meine Schulter stützte und nach unten schaute, konnte kein Zweifel bestehen: Aljoscha hatte alles versucht. Wir sprachen kein Wort.

Auf dem Operationstisch lag unser Kamerad Conrad Kracher, mit einem Leinen bedeckt. Das Gesicht war zu ahnen und sein starker Körper, den wir bewundert hatten. Ein Seitenlicht warf Schatten über den bedeckten Leichnam. Ottmann, den man auch gerufen hatte, starrte auf die Erhöhung, die Conrads Füße unter dem Tuch bildeten und schneuzte sich ein ums andere Mal.

‚Willst du ihn noch mal sehen?‘ fragte Aljoscha. Ich wollte. Er zog das Leinen zurück. Conrads Antlitz war nicht entstellt, wie ich nach den Geschehnissen vermuten musste. Er stand unter Morphium und war ohne Schmerzen in den Tod geglitten. Das beruhigte mich ein bisschen. Die Haut hatte bereits einen gelblichen Ton angenommen.

‚Hat er noch etwas gesagt?‘ fragte ich Aljoscha.

‚Ja, aber – ich verstand nicht . Es klang wie: falsch, falsch. Und einen Namen hat er wiederholt. Christo oder Christas.‘ So was.“

Die Männer in der Schlittenhütte schwiegen. Nur das Surren des Stromaggregats war zu hören und das Klacken von Arturs Tabaksdose. „Dass er euch helfen wollte, in diesem Zustand, ein guter böser Witz“, bemerkte Artur.

„Und der Name?“ fragte ich. „Hat Kracher an Gott geglaubt?“

„Nein. Er hat an sich geglaubt. Nicht Christo, Christa, die Frau vom Flugplatz daheim. – Wir bestatteten ihn auf Buromski-Island. Das ist die Toteninsel vor Mirny. Eine Reihe von Zinksärgen, schräg ins Eis versenkt, sodass nur die Stirnseiten herausragen. Schwarze Quadrate, Namen in kyrillischen Buchstaben. Es war ein trüber Tag, grimmig kalt. Wir alle in Pelzen und Tschapkas. Schtutow hielt eine knappe Rede. Auch ich sprach ein paar Worte. Dann zogen die Offiziere, vier oder fünf, die standen Spalier neben den Gräbern – das werd‘ ich nie vergessen: Wir vor den Gräbern, die der Ewigkeit anheimgestellt sind. Die Natschalniki zogen ihre Pistolen, reckten die Arme gen Himmel und schossen Salut.

Auf der trostlosen Insel gingen mir Conrads letzte Worte durch den Kopf. Falsch, Christa. Dass er diesen Namen sprach, verstand ich nicht. Verstehe ich heute noch nicht. Ich dachte, Conrad wollte sie nicht wiedersehen.“

Ich sah Schorsch ungläubig an. „Wie meinst du das?“

„Tja, das ist rätselhaft. Wir mussten nach dem Unfall Krachers Sachen zusammensuchen. Dabei fanden wir sein Abiturzeugnis, das Diplom und in einem Brustbeutel, zwischen den Wäschestücken, neben ein paar Dollarscheinen die Geburtsurkunde. Warum hat er solche Papiere auf eine Expedition mitgenommen? Kracher war nicht der Typ, der Marotten pflegte. ‚Alles Dinge, womit man sich bewerben kann‘, stellte Ottmann fest. Vielleicht hat er deshalb Gay McCorney so umschmeichelt? Doch das erklärte nichts.

Als ich bei den Eltern war, um Krachers Kram zu übergeben, erfuhr ich, dass seine Freundin eine Tochter geboren hat. Das war noch mal ein Schock. Conrad hatte nie etwas von einer Schwangerschaft gesagt. Mir fiel der Abschied auf dem Flugplatz ein, wie die Frau weinte und Conrad, ohne sich umzuwenden, die Gangway hinauf eilte.“

„Wollte er seine Freundin sitzen lassen?“ fragte ich. In meinem Zweifel lag das Verlangen, dass es nicht so sein möge.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Schorsch.

„Klar, er wollte abhauen“, mischte sich Artur grob ein.

„Dazu muss ich doch nicht an den Südpol fahren.“

„Passt aber“, beharrte Artur. „Denk mal nach! Er war gerade mit dem Studium fertig. Er brauchte ein Renommee, wenn er woanders starten wollte. Er brauchte Geld. Das hätte er hier, wenn er noch lebte, zwölf Monate im Eis auf Sparflamme, locker verdient. Einen Batzen Geld, der reichte, um die Alimente abzuzahlen. Und auf der Rückfahrt Absprung in Las Palmas. Ist es so?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Schorsch. Er sah mit verklärtem Blick auf ein Foto, das neben dem Barometer hing. Das Porträt seiner Frau. Ein Sonnenstrahl glänzte in den Eisblumen, die sich am Rand der Fensterscheibe gebildet hatten. Sie verschwanden nie ganz und nahmen ständig andere kristallklare Formen an. Das Telefon schrillte. Die Leute von Punkt Zwei riefen an. „Ideale Bedingungen. Seid ihr eingeschlafen?“ Ich zwang mich wieder in Daunenhose, Fellweste, den dicken Anorak, zerrte Stiefel über die Rosshaarfüßlinge.

Der Canstone-Gletscher lag unter einem sanften rosaroten Schimmer. Eine Wolke glühte über den Shackletonbergen. Ich konnte weit auf das Meer hinausschauen. Das gewohnte Panorama der Eisberge. Die beiden Hütten unseres Messdreiecks in der Ferne waren deutlich zu erkennen. Auch die Beobachtungstürme. Ich stellte die Messgeräte auf die Plattform des Mastes und sandte Lichtsignale aus. Gute Sicht. So schien es mir.

 

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Jens Grandt

Jadzia, meine Liebe

 

Kindheit, die unbescholtene Kindheit, was ist sie anderes als Schuld im Alter? Ich schaue in die violetten Blüten eines Rhododendronzweiges, der in einer Keramikvase auf meinem Schreibtisch steht. Sie hat eine gedrungene Form. Auf dem Vasenboden eingeprägt ein Wort: Cieplice. Wenn ich an Cieplice denke, denke ich: Jadwiga, Jadzia ...

Ich war damals dreizehn Jahre alt, und ich entsinne mich, wie ich für Jadzia eine Rhododendronblüte vorsichtig auf weißes Löschpapier gedrückt, die zarten violetten Blätter glatt gestriffen habe, so, dass das obere, das schönste, das Spitzenblatt mit den orangefarbenen Tupfern wie ein Krone über den Staubgefäßen prangte. Darunter schrieb ich in kindlich runden Buchstaben: Ich liebe dich sehr.

Wie kann ein Dreizehnjähriger solch einen Satz schreiben? Ich zerre die Kiste hervor, worin sich die Briefschaften der frühen Jahre befinden. Auch Abschriften, und ich bezeuge: Mit diesem Gefühl unbedingter Zuneigung, das Worte fand, die einem Knaben so aufrichtig wie verwegen eingefallen waren, hat alles begonnen.

Wieso ich auserwählt worden war, in ein Ferienlager nach Cieplice zu fahren, weiß ich nicht mehr. Ich vermute, das hatte einen ganz banalen Grund. Unser Lehrer bemühte sich, als Korrespondent der Regionalzeitung ein bisschen Honorar hinzuzuverdienen. Er bauschte eine belanglose Gewohnheit, nämlich dass ich manchmal das blaue Halstuch umband, zu einer Heldengeschichte auf. So ging ich an einem Montag zur Schule, weil sich montags, wie wohl an allen Schulen des Landes, die Klassen zum Appell aufstellten mussten. Es wird mir schwerlich gelingen, einen Eindruck von den Ritualen jener Jahre nach dem Krieg zu vermitteln, ihren Leidenschaften und Zwängen, die wir damals gar nicht als solche empfanden. Es war die Zeit des Fahnenschwenkens, der symbolischen Bekundungen. Dass an jenem Montag, im Juni 1953, die Arbeiter revoltierten, stand nicht am Himmel geschrieben; in unserem Vorort blieb es ruhig. Der Zeilenschinder aber unterlegte meinem Schulgang Mut und Stolz und trotziges Bekenntnis gegen den Aufruhr. Vielleicht hatte ich dieser Lüge das Privileg zu verdanken, dass ich für vier Wochen in einem Schloss in Cieplice wohnen durfte.

Von einem Ferienlager zu sprechen, erfasst den Aufenthalt nur unzulänglich. An ein und demselben Tag konnten wir sieben Sprachen hören. Außer uns deutschen und den polnischen Kindern, die in der Mehrzahl waren, tummelten sich Tschechen und Slowaken, Ungarn, Bulgaren, Koreaner auf dem weitläufigen Gelände. Aber wenn ich mich recht erinnere, interessierten uns nur unsere Landesnachbarn und Gastgeber. Schon der Empfang ein Jubelfest der Freundschaft. Die Warschauer „Delegation“ schenkte der deutschen „Delegation“ einen selbst angefertigten Kran. Warum einen Kran? Aufbaueuphorie. Aus Łódż war eine Tanzgruppe angereist, das beste Jugendensemble Polens, hieß es. Ein Mädchen fiel mir auf. Sie war etwas größer als die anderen. Sie tanzte, wie ich heute sagen würde, sehr anmutig.

Wenn sich nur irgendeine Gelegenheit bot, suchte ich ihr Nähe. Es schien ihr nicht zu missfallen. Zum Programm gehörten sogenannte Ländertreffen. Wir sangen, tauschten Pionierabzeichen. Das war das erste Mal, dass ich IHR gegenüberstand. Ich heftete die Nadel mit dem flammengeschmückten JP an ihre Bluse. Sie lächelte. Wir umarmten uns. Sagen konnten wir uns nichts. Keiner kannte auch nur einzelne Wörter in der Sprache des anderen. Das war die Krux von Anfang an.

Im Bett neben mir schlief mein Freund Bernd aus dem Erzgebirge, ein etwas fitziger Typ, aber er hatte sich auf die Reise gut vorbereitet. Er besaß einen Sprachführer, aus dem ich einige Wendungen abschrieb. „Dziekuje“ hieß „Danke“, „Dzien dobry!“ – „Guten Tag!“ Seitdem streunte ich so lange auf dem Gelände herum, bis ich IHR „Dzien dobry!“ sagen konnte. Dann sahen wir uns an, lachten, gaben uns die Hand und liefen ein paar Schritte gemeinsam. Das waren Glücksmomente.

Unerklärlich, wie wir trotz der Sprachbarriere uns verstehen konnten. Auf Russisch, das wir eben erst in der Schule zu lernen begonnen hatten, fragte sie: Wie heißt du? – Gert. – Ich bin Jadwiga. Sie hatte dunkle Augen. Das Haar war zu zwei halblangen Zöpfen geflochten. Ein schönes ebenmäßiges Gesicht. Wir saßen im Schatten unter einer alten Eiche, zeigten uns Ansichtskarten von unseren Heimatstädten, ich von Dresden, sie von Łódż. Wir lasen, jeder für sich, in einem Buch und schwiegen oder sagten Sätze, die wir durch Gesten verständlich machten. Wollen wir Boot fahren? Darauf freute ich mich jedes Mal, denn die Faltboote waren so wackelig, dass ich Jadwiga beim Besteigen unter die Arme greifen durfte. Dann paddelten wir über den kleinen Teich, an Seerosen vorüber, in den stillen Zufluss hinein, der träge und dunkel unsere Gefühle trug.

Bei alldem war ich schüchtern. Mir fehlte die Begabung zu Witz und Drallala, womit Bernd, mein Bettnachbar, beeindruckte. Jadzia muss meine Schüchternheit missverstanden haben. Denn einmal, als wir auf der Holzbrücke, die über das Fließ führte, verweilten, stellte sie mich zur Rede. Ich weiß nicht mehr genau mit welchen Worten. Es war eine Frage. Zugleich ein deutliches Bekenntnis. Wie wenn sie sagte: Warum liebst du mich nicht? Aber ich liebte sie doch! An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen.

Manchmal überlege ich, was wir, die Insassen des Camps die ganze Zeit getrieben haben. Ja, wir sind in die Wälder gewandert, haben Kräuter gesammelt und uns die Hosentaschen mit Haselnüssen vollgestopft, sind auf die Berge gestiegen, einmal sogar auf die Schneekoppe. Wir haben die Heilanstalt besucht mit dem über Chieplice hinaus bekannten Mineralwasserbrunnen. Hin und wieder waren wir „Gruppe vom Dienst“. An solchen Tagen musste unser Trompeter zu den Mahlzeiten blasen. Es galt, das Essen aufzutragen, den Park zu säubern, Blumenbeete zu pflegen und am Tor Wache zu stehen. Während der Wache war es verboten, mit den Stadtleuten draußen zu reden, aber es versammelten sich so viele Menschen vor den Toren, die neugierig waren und Fragen stellten, dass man gar nicht schweigen konnte. Auch nicht wollte. Mir gefiel das Palaver, zumal nicht wenige Bewohner sich in einem vertrauten Dialekt äußern konnten. Sie wollten wissen, wer wir sind, woher wir kommen, vor allem, das spürte ich, wie wir uns benehmen. Gesinnungsprüfung. So auch seitens der Burschen, die über den Zaun riefen: Heil Hitler! Ich war so erschrocken, dass ich zurückschrie: Seid ihr blöd?

Schließlich übten wir für ein Kulturprogramm und lernten polnische Lieder. Eines hieß, dem Laut nach, Scheloni waltschik, Grüner Walzer. Nach dieser Melodie wurde oft und gern getanzt. Ich kann mir schwer vorstellen, wie das aussah in diesem Alter: Tanzen. Sie, Jadzia, o ja, sie bewegte sich geschmeidig, aber ich?

Die Wochen vergingen wie im Rausch. Längst hatten wir die Adressen getauscht. Die polnischen Gruppen reisten einen Tag früher ab als die anderen. Fassungslos standen wir einander gegenüber. Alles verschwamm vor meinen Augen und nahm dann wieder scharfe Züge an, ihr feines Gesicht, die Wangen, die Augenbrauen, ihr schmaler Mund, der zum wiederholten Mal beteuerte, dass wir uns schreiben wollen. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Meine Füße hatten Wurzeln und mein Kopf war – Jadwiga.

Der Briefwechsel ließ sich mühsam an. Wir versuchten uns russisch zu verständigen. Das Handicap bestand darin, dass mir jedes Talent zum Sprachenlernen fehlt; ich habe es im Russischunterricht nie über eine Drei geschafft. Jadzia vertraute sich ihrer Lehrerin an, die noch das Deutsche beherrschte, mehr schlecht als recht. Die Lehrerin übersetzte meine Briefe und schrieb in schöner aufrechter Schrift Jadzias Antworten. Manchmal flossen ihre eigenen Empfindungen in den Text, sodass ich auseinanderhalten musste, wer im Moment zu mir sprach. Anfangs hatte die Korrespondenz lange Pausen. Wir entschuldigten uns immerfort. In den ersten Briefen malte Jadzia mitunter etwas auf die Rückseite, einen Osterhasen, Weidenzweige und ein Küken. Auf einem anderen Blatt die polnische und die deutsche Fahne über Kreuz, mit den Worten „Pokój“ und „Frieden“ drapiert. Aber die deutsche Fahne schwarz-weiß-rot, was mich ziemlich befremdete. Darüber schwebte eine Taube mit einem Brief im Schnabel. Wir klagten über den kalten Winter, dass kein Schnee liegt und die Kohle knapp wird, freuten uns auf den Sommer. Wir erzählten von Klassenfahrten. Ich teilte mit, dass ich gern Steine sammle, sie, dass sie Mandoline spiele und zwar sehr gut.

Wenn sie Ferien hatte, sandte Jadzia Bergaufnahmen, Talidyllen. Ich liebe meine Heimat, schrieb sie, die Geschichte, die Fabriken, die polnische Sprache. Sie schreibe jetzt auch Gedichte und trainiere sich im 60- und 100-Meter-Lauf. Ob ich ihr vielleicht ein Schildpatt für die Mandoline beschaffen könne, fragte sie vorsichtig. In Polen gibt es nicht. In eurer Republik sie sind gut, aus Schildkröte. Wenn du etwas möchtest, was es bei euch nicht gibt, schreibe! Deine treue, unvergeßliche Freundin. Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

Ich suchte den Musikladen auf, wo ich manchmal Noten kaufte, denn ich spielte Akkordeon im Schulorchester. Ja, Plektren haben wir. Ich schickte drei Stück per Luftpost, damit sie Jadzia noch vor Weihnachten zur Hand hat. Sie bedankte sich ausgiebig. Sie lerne jetzt Radfahren, denn in Zukunft, wenn wir beide zusammen fahren werden ... Wie wurde und wie wird mir wieder wehmütig über diesen Zeilen. Sie habe geträumt, dass ich bei ihr zu Hause im Garten sitze. Es war Abend. Ich war sehr glücklich. Aber leider nur im Traum und im Bett. Schreib mir alles über Deine Stadt, Deine Familie, über Dich und die Schule. Ach, wie schön wäre es, wenn Du hier sein könntest.

Inzwischen paukte ich auf der Oberschule. Auch sie saß in der neunten Klasse, wir waren ja im gleichen Alter. Liebster, ich kann Dich nicht sehen. Bitte, schicke mir ein Foto. Das tat ich, und sie schwärmte in Worten, die wiederzugeben ich mich schäme. Die Briefe wurden immer vertraulicher. Liebe, liebe Jadzia! – Teurer Geliebter ... endlich ist der Frühling da und die Sonne und ich möchte nur sitzen in der Sonne und gar nicht lernen. Es ist mein sechzehnter Frühling und der schönste im Leben. Bald werden die Abende wieder länger und ich werde denken und mich sehnen nach Dir. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich sehen möchte Dresden. Denkst Du manchmal daran, dass wir in Deiner Stadt spazieren gehen? Wenn ich am Radio sitze, dann drehe ich gleich deutsche Sender ein. Wir tanzen jetzt viel Rock ‘n‘ Roll.

Einmal muss ein Brief verloren gegangen sein. Ich beschwerte mich: Warum schreibst Du mir nicht mehr? Sie: Ein Brief von Dir kam nicht und nicht. Sie legte ein Porträt von sich in den Umschlag, eine Studioaufnahme, Seitenansicht. Ich war – was für ein Klischee –, ich sage trotzdem: Ich war hingerissen. Sie sah aus wie Romy Schneider. Das wellige Haar aufgesteckt, der Mund, die Augen ein leises Lächeln, die Nase formvollendet. Ein paar Monate später Fotos von einer Fahrt nach Krakau. Sie, schlank, in langen Hosen, zwischen Tauben. Kragenpulli, Sonnenbrille. Das war kein Mädchen mehr. Eine junge Frau. Die unter ihre Briefe schrieb: Ich küsse Dich viele Male. Deine treue Dich liebende Jadzia.

In diesen Jahren verfluchten wir, was uns eigentlich, auf hoher Ebene, verband: die Oder-Neiße-Grenze. Ich beneidete die Vögel, die über den breiten Fluss hinüber und herüber fliegen konnten. Ich stand am Ufer und sah Cieplice, Jadzia, Łódż, wo ich noch nie gewesen war. Und Jadzia klagte: Weshalb sind wir uns so fern und trennt uns Freunde eine Grenze? Warum gibt es auf der Erde viele viele Grenzen zwischen den Menschen? Es gibt keine Grenzen. Ich möchte zu Dir fahren und Dich sehen und Dich umarmen.

Nach dem Sommer erreichten mich die Briefe aus Toruń. Jadzia besuchte eine Schule, in der sie Kleider, Röcke, Blusen nähen lernte. Ein „Modeinstitut“. Mir ist nie klar geworden, ob sie als Schneiderin oder Designerin zu arbeiten beabsichtigte oder dies nur vorläufig betrieb, denn ihr Traum war die Universität. Sie sang Hymnen auf die alte Stadt mit den vielen Türmen, Parks, den Wiesen an der Weichsel. Da sie keine Dolmetscherin fand, schrieb sie nun selbst mit Hilfe des Wörterbuchs in Deutsch. Ich habe mich darüber gefreut, obwohl – es war ein schlimmes Kauderwelsch. Das war keine Lösung, und wir mussten uns wieder mit der russischen Sprache abfinden. Ich saß stundenlang über den Briefen, übersetzte, bastelte an den Antworten. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass mich das alles überfordert. Das Gymnasium saugte und lärmte wie eine Zeit-Häckselmaschine. Wie mühsam, die passenden Worte finden, Sätze fügen. Und überhaupt: Welche Perspektive hatte unsere Beziehung? Die Grenzen geschlossen, kein Hoffnungsschimmer, es schien alles aussichtslos. Das war nicht falsch und nicht gelogen. Ich schrieb, dass ich nicht mehr schreiben werde/kann, weil ich das Abitur schaffen muss. Aber mich trieb, das ist mir erst mit den Jahren aufgegangen, wohl auch eine unbestimmte Angst. Die Umstände, die komplizierten Hindernisse, Schikanen, die sich auftun würden, wollten wir an unserer Liebe festhalten, ganz zueinander finden, miteinander leben. Ja, es stimmt, immer wenn es schwierig wurde, bin ich ausgewichen. Es liegt an Dir, lese ich auf einem der vergilbten Blätter, die ich aufbewahrt habe. Da bedrängt sie mich, die über Jahre unerkannte Schuld. Es war Verrat.

Ich glaube heute und jetzt nicht Deinen Tränen, wenn ich (zum zehnten Mal) Deinen Brief lese, antwortete sie. Du bist ohne Herz und das ist schlecht für mich. Ich glaube nicht, dass Du alle Tage ohne Erholung lernst und deshalb mir nicht schreiben kannst. Mich drückte auch das Examen, aber ich schrieb Dir, nachts, ich schrieb Dir. Und warum sollten wir uns nicht begegnen können? Es ist nicht abzusehen, welche Wege das Leben eines Menschen geht. Glaube mir, Gert, dass ich jetzt diese Wahrheit schreibe: Als ich Deinen Brief las, war ich traurig, sehr traurig war mir, nichts konnte ich machen, nur denken über Dich. Ich stürzte auf den Tisch und hatte Nasenbluten. Ich bin zum Doktor gegangen und er fragte, wovon mir so übel ist. Wie konnte ich ihm antworten? Wie soll ich meiner Freundin antworten? Ich kann es nicht. Aber es schillt in meinem Kopf – Gert, Gert, Gert. Ich sprach mit niemandem. Ich schrieb nur Dir. Ich bin jetzt krank und gehe fünf Tage nicht zur Schule. Ich schreibe diesen Brief im Bett. Niemand sieht, ich vergelte.

Ich weiß nicht, wie weiter mit mir, 17 Jahre. Die ganze Welt ist für mich trübe und langweilig. Gert, wie ist das möglich? Du konntest mich nicht lieben? Schule, Arbeit? Nein. Die Freundschaft bleibt doch immer. Sie kann acht, neun, hundert Jahre dauern. Aber Du schreibst unverständliche Worte. Fünf Jahre haben wir uns geschrieben. Und jetzt das Ende.

Ach Gert, Du lachst vielleicht und ich weine. Ich vergelte, hörst du? Kennst Du das, Gert? Tausend Schicksale zwischen uns, meine Liebe Kilometer weit, ist das nicht grausam?

Verzeih (wie furchtbar ist das Wort).

Verstehe auch mich. Du warst für mich beflügelnd. Ich wünschte, jetzt wäre 1953, Cieplice. Ich schrieb sonst keine Briefe und weinte niemals. Du bist der erste, der ...

„Unsere Freundschaft dauert fort in der Freundschaft der Völker“?, nein Gert – die Völker, die Völker, ich möchte ...

Ach, ich weiß nicht, was ich schreibe, sei nicht böse! Verzeih, Geliebter. Lebe gut! Ich wünsche Dir Glück, viel Glück in Deinem Leben.

Ein letztes Mal küsse ich Dich.

Deine ferne, traurige und treue Freundin.

 

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 Jens Grandt

Einmal die Eisberge sehen

 

Am ersten Tag des neuen Jahres, eines beliebigen Tages um die Jahrtausendwende, wurde in Kapstadt ein Mann überfallen. Es geschah im helllichten Sonnenschein, unter einem der glitzernden Hochhäuser. Leif Taller, das Opfer, kam aus Deutschland. Er war kein junger Spund mehr, aber auch nicht alt genug, um seine Träume leichthin aufzugeben. Er wollte diesen Abend an der Waterfront verbringen, die er noch nicht kannte, ein bisschen auf die Schiffe schauen, einen Kaffee trinken und eine Pfeife rauchen. Das wäre ein guter Abschied vom Kontinent. Als er in die Bree-Streat einbog, weil er nicht die Hauptverkehrsstraße entlang laufen wollte und ihm das als der kürzere Weg zum Hafen erschien, dachte er: Bis hier hin, nach mehreren Jahren Bettel und Business, hast du's geschafft. Nichts und niemand mehr kann dich aufhalten. Du wirst in den Süden fahren. Du wirst die Eisberge sehen.

Ein jäher, harter Ruck am Riemen seiner Schultertasche und er wusste sofort, was ihm geschah. Blitzschnell wandte er sich um, hatte den Gurt in der Hand und sah die Tasche aus geschwärztem Leder greifbar nahe vor sich. Ein nicht eben zierlicher Mann im weißen T-Shirt zerrte daran, bis der Widerhaken aus dem Leder riss. Er wollte den Gauner packen, aber die anderen hielten ihn fest. Mehr instinktiv als sinnlich spürte Leif, dass es vier Männer waren, die sich von hinten an ihn herangepirscht hatten. Als er in die Bree-Streast einbog, war niemand vor ihm gewesen. Leif gelang es, sich einen der Kerle zu krallten, zwang ihn zu Boden, er schlug sich verzweifelt mit dem viel jüngeren Gegner auf dem Asphalt. In seinem Kopf raste eine wilde, panische Angst: Der Pass! In der Tasche ist dein Pass! Das Schiff! Das Schiff wird ohne dich abfahren!

Der Mann entwand sich seinen Griffen. Es war alles Sekundensache. Leif rannte ihm hinterher. Du musst ihn packen. Die Spur zu deinem Pass! Einen der Täter sah er in einem Tor verschwinden. Sie rannten um den ganzen Häuserblock und Leif brüllte „Polizei! Polizei!“, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er dies hätte englisch rufen müssen. An einer leichten Straßensteigung wurde ihm die Luft knapp. Wieso er den Strolch doch noch erwischt hat, ist ihm ewig ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich waren Leute entgegengekommen oder Leifs tierisches Gebrüll hatte den Jüngling entnervt. Jedenfalls bekam er ihn zu fassen, fast genau an der Stelle, wo der Überfall stattgefunden hatte.

Später, auf dem Revier, im blutverschmierten Hemd, versuchte Leif den Polizisten klarzumachen, in welcher vertrackten Lage er sich jetzt befand. Nein, er sei nicht als Urlauber hier. Er warte auf sein Schiff, das ihn in die Antarktis bringen soll. Doch das schien den Beamten weniger bedeutend als die Tatsache, dass Leif während der Schlägerei auch das Geld aus der Hose geklaut worden war.

Die Polizisten waren, soweit es in ihrer Macht stand, sehr zuvorkommend. Nachdem er das Protokoll unterschrieben hatte, fuhren sie ihn sogar zum Hotel. Er wusch sich, weichte das Hemd in kaltem Wasser ein und meinte, dass er alles in allem Glück gehabt hat. Die hätten dir eine Klinge in den Rücken jagen können. Messerstiche gehörten offenbar nicht zur Arbeitsweise der kleinen Bande.

Aber der Pass war weg! Er sah bereits das Schlimmste vor sich: Das Schiff läuft ohne ihn aus, weil er keinen Pass hat. Ja, das wäre das Schlimmste, so nahe vor dem Ziel umkehren zu müssen. Wie lange hatte er sich bemüht, in die Antarktis zu gelangen. Leif lebte damals in einem Land, dessen Behörden, denen er anvertraut war, sich nicht immer willens zeigten, eine gut ausgebildete Person in lebensfeindliches Gebiet reisen zu lassen. Manchmal hinderten ihn auch eigene Angelegenheiten, über viele Monate der Heimat adieu zu sagen. Leif klammerte sich an die Hoffnung, dass es irgendein Behelfspapier geben müsse, das ihm erlaubte, zum Zwecke einer Forschungsreise, noch dazu in eine Gegend, wo nicht einmal ein Hund begraben wird, den Hafen zu verlassen und wieder zu betreten.

Daran durfte es nicht scheitern! Einmal die Eisberge sehen! Die weiten weißen Schollenfelder auf dem Meer. Vielleicht sogar den fremden Kontinent betreten! Wann und wie sich dieser Traum eingestellt hatte, konnte er nicht sagen. Möglich, dass auch bei ihm schon in der Kindheit kleine Sinnkristalle wuchsen, woran sich, unbewusst und unbemerkt, sein Lebensmuster formte. Schneekristalle anfangs, die er im Sonnenschein bewundert hat. Zauberhafte Eisblumen an den Scheiben. Als er zur Schule ging, hatte er, vom Vater dazu angeregt, im Schneepolster der Blumenkästen Temperaturen gemessen, daran erinnerte er sich manchmal. Warum er das tat, wusste er nicht mehr. Später las er die wunderbare Geschichte, wie ein Kindertrupp in Not geratene Polarforscher retten wollte. „Das Eismeer ruft“, so hieß sie. Vielleicht war es das, was den Keim setzte? Er schaute sich lange die Bilder an und verfolgte die Spur der Abenteurer auf der Landkarte. Als er etwas Geld hatte, kaufte er nach und nach alles, was er über ferne Eisgebiete erwerben konnte. Irgendwann begann er, seine Chancen abzuwägen, selbst einmal in die Antarktis zu fahren. Bei Leuten, die darüber zu befinden hatten, bekam er auf seine Anfragen wenig tröstliche Antworten. Doch jetzt war es so weit. Jetzt stand er vor der Reise seines Lebens und hatte keinen Pass.

Am nächsten Tag ging Leif zum Konsulat. Er war noch nie in einem Konsulat gewesen. Was er dort sah und hörte, beeindruckte ihn auf unangenehme Weise. Wie bei der Post oder der Sparkasse musste er vor einen verglasten Schalter treten und sein Unglück vortragen samt dem Anliegen, das ihn hierher führte. Alle Leute im Raum hörten zu. Er malte sich aus, wie peinlich es sein müsste, wenn hier jemand seinen Scheidungsstreit erläuterte. Dann fragte die Dame hinter Glas: „Womit können Sie Ihre Identität beweisen?“ Das fand Leif ein wenig witzig. Was sollte einer, den man ausgeraubt hatte, vorlegen können? Zum Glück entsann er sich eines alten Betriebsausweises, der längst nicht mehr gültig war und den er in einer Anwandlung aus Vorsicht und guter deutscher Erziehung eingesteckt hatte, weil es sich doch sozusagen um ein Dienstschiff handelte. Schließlich sollte er erfahren, dass Geld tatsächlich mehr wert ist als jeder Pass. „Irgendein“ Papier gab es hier nicht. Einen Pass aber konnte man kaufen. Die säuselnde Stimme verlangte alles in allem etwa hundert Mark. Von einem ausgeraubten Menschen! Außerdem müsse er, Leif, das polizeiliche Protokoll und ein Passbild beibringen. Ein Passbild, das beim Fotografen angefertigt und bezahlt werden muss!

Er lief vier Tage lang den bürokratischen Angelegenheiten hinterher. Zweifelnd und hoffend, dass letztlich alles gutgehen würde, betrat Leif die Filiale einer niederländischen Bank. Die schwarzafrikanische Frau am Mikrophon hörte ihn freundlich an, rollte ihre großen Augen von einem Winkel in den anderen und bewirkte, was das deutsche Konsulat nicht zustande gebracht hat – in Berlin anzurufen und nachzufragen, ob es den Leif Taller wirklich gibt. Ob es stimme, was die fragwürdige Person behauptet, dass er ein Konto hätte, Adresse und dergleichen.

Die niederländische Bank gewährte ihm ein Darlehen von tausend Rand. Tausend Rand?

Ja ja, die Fremde hat ihren Preis“, sagte die fremde Angestellte.

Das war die Rettung. Am fünften Tag saß Leif am Pier auf nackten Steinen, den Rücken an einen Container gelehnt. Die Sonne schien. Sechzehn Uhr fünfzehn sollte die „Polar Flower“ in den Hafen einlaufen. Sechzehn Uhr fünfzehn bog das Schiff um den Leuchtturm auf der Mole herum und legte an.

 

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